Bettler in Indien – 6 Rupien gegen die Armut

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Aus meinem Tagebuch vom Mai 2007:

Wir stehen an der roten Ampel. Es wird heiß in der Autorikscha. Der Fahrtwind bleibt aus und die Abgase beginnen mich langsam einzunebeln. Sofort entdecke ich den alten Greis, der sich auf Auspuffhöhe am Straßenrand, auf Händen gehend, einige Rupien erbettelt. Seine Beine sind vollständig verkrüppelt, nur noch Haut und Knochen. Der Motorradfahrer neben uns gibt ihm zwei Rupien und als er mit mir Blickkontakt wechselt, suche ich schnell einige Münzen zusammen. 6 Rupien sind es insgesamt. Die Ampel wechselt auf Grün und wir fahren los. Es fühlt sich nicht gut an. 6 Rupien gegen die Armut!

Die Schere zwischen Wohlstand und Armut auszuhalten, ist jedes Mal ein Bauchkrampf. In unserem Wohnquartier bin ich von solchen Bildern weitgehend verschont, habe einen gewissen Schutzraum. Täglich diese Bilder auszuhalten, würde ich längerfristig wohl nicht schaffen.

Ich bin froh, dass ich jeweils Prabhus Bettler-Regeln anwenden kann, denn in solchen Situationen bin ich emotional einfach überfordert.

Bettelnde Frauen mit Kleinkindern auf dem Arm bekommen nichts. Oft werden die Kinder scheinbar gemietet und mit Beruhigungsmitteln ruhig gestellt. Auch Kinder bekommen in der Regel nichts, ganz sicher kein Geld. Manchmal gebe ich Biskuits oder Früchte, die ich grade in der Tasche habe oder ich kaufe etwas zum Essen im nächsten Laden. Ich achte darauf, dass die Päckchen stets geöffnet sind, denn ansonsten bringen es die schlauen Kerlchen einfach in den Laden und verkaufen es wahrscheinlich für einen geringeren Preis an den Ladenbesitzer zurück. Nur alte oder stark beeinträchtigte Menschen, bekommen von uns Geld. Meistens gebe ich je nach Kleingeldsituation in meinem Portemonnaie 5 bis 10 Rupien. Diese Klarheit überträgt sich meistens und die Bettler geben auf und ziehen nach kurzer Zeit weiter. Diese Menschen haben einen sechsten Sinn ausgebildet, um ein kleinstes Zögern wahrzunehmen und können dann sehr hartnäckig und aufdringlich sein. Dieses Elend beschäftigt mich, lässt mich hilflos zurück.

Kehre ich jedoch in mein neues Zuhause zurück, erfüllt mich eine große Dankbarkeit für all den Reichtum und das Glück, das hier auf mich wartet.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

2 Kommentare

  1. Hallo Irène, ich stöbere gerade ein wenig durch deine Beiträge und lese über das Leben in Chennai, was einerseits so anders ist als hier in Kolkata, andererseits wie zum Biespiel in diesem Beitrag so ähnlich. Diese Problematik mit der bitteren Armut, die einem hier tagtäglich auf den Straßen begenet, schürt mir auch nach 3 Monaten noch die Kehle zu. Manchen Menschen möchte man wirklich nichts geben, wenn sie kerngesund vor einem stehen und klar fordernd die Hand asustrecken. Gleichzeitig holt mich mien Gewissen ein, wie ich denn mit ein paar Rupees geizen kann, während mein Portemonnaie mit Scheinen gefüllt ist. Jeden Tag ein Konflikt mit mir selbst. Ich wollte nur mal Danke sagen für deine Worte und deinen Standpunkt dazu. Über die Erfahrungen andrer Menschen zu lesen, hilft mir oft selbst besser damit zurechtzukommen.
    Alles alles Liebe aus dem Norden und alles Gute weiterhin!
    Anna

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    1. Hi Anna, danke für deine Nachricht. Ja, das mit der Armut ist immer ein Thema, wobei du im Norden sicherlich noch stärker damit konfrontiert wirst. Tamil Nadu gehört im Vergleich zu den reichen Bundesstaaten. Mit der Zeit gewöhnt man sich tatsächlich etwas an diese Situationen und man wird dann auch bestimmter und routinierter im Nein-Sagen.
      Was verschlägt dich nach Kolkota? Liebe Grüsse zurück in den Norden Irène

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