Das Festessen – eine Geschichte aus der hinduistischen Götterwelt

Beim Aufräumen in Suriyans Bücherschrank sind wir auf alte Bilderbücher mit Göttergeschichten gestoßen. Ich liebe diese Geschichten! Und so habe ich angefangen, bevor ich die Bücher verschenke, einige Geschichten auf Deutsch zu übersetzen und sie in meinem Blog zu veröffentlichen. Während Kinder in der westlichen Kultur mit den Märchen der Gebrüder Grimm aufwachsen, so erzählt man hier in Indien die unzähligen Göttergeschichten …

Das Festessen

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Vor langer Zeit regierte Kubera über Lanka (heutiges Sri Lanka). Er war ein freundlicher König und teilte seine Güter und seinen Reichtum mit seinen Brüdern. Sein ehrgeiziger Bruder Ravana nutzte dies schamlos aus und scheute sich nicht davor ganz Lanka zu verlangen. Auf Rat von seinem Vater und um Blutvergießen zu verhindern, gab Kubera Lanka auf und überließ es seinem Bruder.

Er war verzweifelt, deprimiert und mittellos. Als treuer Anhänger von Shiva begann er darauf Tag und Nacht zu meditieren und zu beten. Er wünschte sich sehnlichst seinen Reichtum zurück. Seine aufrichtigen Gebete aus tiefstem Herzen erfreuten Lord Shiva. Eines Tages als Kubera im Gebet versunken war, erschien Lord Shiva vor ihm.

„Ich weiß, dass du dich nach Reichtum sehnst. Von jetzt an sollst du sehr wohlhabend werden und großen Reichtum erlangen. Was auch immer du ausgibst, dein Vermögen wird nicht weniger werden. Aber sei gewarnt: Reichtum alleine kann dich nie ganz zufriedenstellen und glücklich machen!“

Kurz darauf war Kubera ein reicher und wohlhabender Mann. Sein Traum wurde wahr und er dankte Lord Shiva überschwänglich für seine Großzügigkeit. Shivas Warnung jedoch vergaß er schnell.

Kubera baute eine prächtige Stadt auf dem Berg Mandara in der Nähe des Himalaya-Gebirges.

Alakapuri war die prachtvollste Stadt, die es je gegeben hatte. Der mächtige Palast war mit wundervollen Gärten umgeben. Anfangs herrschte Kubera freundlich, respektvoll und bescheiden über Alakapuri. Aber je mehr Zeit verging, desto mehr änderte er sich. Er wurde arrogant und wollte seine Macht und seinen Reichtum überall zur Schau stellen. So beschloss er, ein riesiges Fest zu veranstalten, um allen seinen Wohlstand zu zeigen. Er arrangierte die besten Köche des Landes und suchte die besten Designer, um die Stadt und den Palast zu dekorieren. Er scheute keinerlei Ausgaben, um das perfekte Fest auszurichten.

Auch die Götter lud er zu seinem Fest ein. Mit seiner fliegenden, goldenen Kutsche Pushpaka, die selbst die Götter in Erstaunen versetzte, flog er nach Kailash um Lord Shiva und Parvati zum Fest einzuladen. Dass Lord Shiva ihm all diesen Reichtum erst möglich gemacht hatte, vergaß er dabei. Shiva durchschaute Kuberas Absichten und meinte:

„Es tut mir leid, ich bin im Moment sehr beschäftigt, aber ich werde zu meiner Repräsentation meinen Sohn Ganesha schicken.“

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Ganesha liebte gutes Essen. Auch wenn er noch ein Kind war, hatte er oft einen unbändigen Appetit. Als er hörte, dass er zum Fest durfte, freute er sich sehr und Kubera dachte, dass es ein leichtes sein würde ein Kind zufriedenzustellen.

Als sie Alakapuri erreichten, zeigte Kubera stolz seine Stadt, den Palast, die Gärten, … und Ganesha wurde immer hungriger. Als es endlich zum Speisesaal ging, begann Ganesha sofort zu essen.

Die königlichen Diener tischten die besten Speisen auf und in einigen Sekunden hatte Ganesha alles aufgegessen. Danach brachten sie die Süßspeisen und auch die waren im Nu verschwunden. Ganesha verlangte nach mehr und mehr. So servierten sie alles, was die Küche hergab. Doch auch dies befriedigte den kleinen Ganesha nicht. Er hatte immer noch einen unstillbaren Appetit. So begann er Teller, Stühle und alles was im Palast herumstand zu verschlingen. Kubera verzweifelte und bat Ganesha aufzuhören, aber der kleine Elefantengott konnte nicht mehr stoppen.

Kubera hatte Ganeshas Kräfte unterschätzt und flog in Panik wieder nach Kailash.

„Grosser Lord Shiva, bitte hilf mir ! Dein Sohn isst meine ganze Stadt auf!“, bat er.

Shiva blieb ganz ruhig, er wusste, dass Kubera seine Lektion gelernt hatte.

Er sprach: „Gib Ganesha diese Reisflocken. Übergebe sie mit Liebe und Demut, so wird mein Sohn genährt und erfreut sein.“

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Kubera dankte Lord Shiva und eilte zurück in seine Stadt. Währenddessen war Ganesha dabei die ganze Stadt aufzuessen. Kubera rannte zu ihm und bot ihm in Demut und Liebe die Reisflocken an. Sobald Ganesha die Flocken gegessen hatte, fühlte er sich satt und zufrieden.

Jetzt realisierte Kubera, dass er trotz seines unendlichen Reichtums nicht in der Lage war, den Appetit eines kleinen Jungen zu stillen und sah seinen Fehler ein.

Demut, Liebe und Respekt sind wichtiger als aller Reichtum dieser Welt.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

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