Unerwartete Probleme

Sieb

Ich beobachte die Situation von der Küche aus. Die beiden Jungs sitzen nach einem Sleep Over bei uns am Esstisch und essen Frühstück. Suriyan, heute nicht sehr gastfreundlich, isst bereits seine Kellogg’s und sein Schulkamerad hält verloren und verwirrt das Sieb in der Hand. Er möchte auch Milch zu seinen Cornflakes, aber auf den ersten Blick wird klar, dass er noch niemals, in seinem 13-jährigen Leben, ein Sieb in der Hand hatte. Ich hasse die Milchhaut, die sich hier in Indien immer wieder hartnäckig auf der Milch bildet und Suriyans Schulkamerad ergeht es wohl ebenso.

Als ehemalige Heilpädagogin ploppt sofort ein riesiges, rotes Schlagwort in meinem Kopf auf: „Problemlösungsverhalten“! Neugierig, überrascht, ich gebe zu, auch etwas amüsiert bleiben meine Augen auf dem Jungen ruhen.  Nach kurzer Analyse der Situation beschliesst er das Sieb einfach auf dem Krug zu lassen, das Sieb festhaltend, gedenkt er sich so Milch in seine Schale zu giessen. Doch jetzt hat er definitiv auch Suriyans Aufmerksamkeit und der ist nicht weniger erstaunt als ich. Hilfreich greift er ein, erklärt und zeigt mit einer Handbewegung wie es eigentlich gehen sollte.

Man kann ein Sieb durchaus in verschiedene Richtungen halten, das scheint unseren Problemlöser nun doch zu verwirren. Seitwärts? Mit der Wölbung nach oben? Hilfe suchend wirft er einen Blick zu mir. Obwohl ich noch gerne weiter observiert hätte, kann ich nicht anders und zeige ihm mit einer Handbewegung das Sieb zu drehen und das Problem ist bewältigt.

Kurz danach gebe ich ihm die zwei bestellten Toastscheiben auf einem kleinen Teller. Confitüre und Butter stehen schon lange auf dem Tisch. Sich ein eigenes Marmalade-Toast zu schmieren, ist er augenscheinlich auch nicht gewohnt. Etwas überrascht, dass ich das nicht übernehme, beginnt er unbeholfen die Butter aufs Brot zu streichen. Unsere super teure Bonne Maman Confitüre, die wir uns hier leisten, weil uns die indischen Marmalade-Anbieter einfach gar nicht schmecken, landet teilweise auf dem Tischtuch, aber was soll’s! Wieder etwas geübt, dass sonst Mama für ihn macht.

Vor etwa 2 Jahren war ein anderer Schulfreund bei uns zu  Besuch und die Jungs wollten unbedingt ein Cake backen. Die beiden machten dies auch recht gut. Suriyan übernahm die Führung, instruierte und erklärte, denn auch hier war klar, dass dies sein Freund noch niemals zuvor getan hatte. Bei den 2 Eier, die das Rezept verlangte, staunte ich nicht schlecht. Legte sein Freund die Eier doch mit Schale in den Teig!

Ich bin immer wieder erstaunt zu sehen, wie für mich selbstverständliche, alltägliche Dinge für einige Kinder hier zum Problem werden. Wie kann man einem Kind, das bereits 13 Jahre alt ist immer noch das Brot schmieren? Wie kann man sein eigenes Kind dermassen zur Unselbständigkeit erziehen?

Auch Suriyan zeigt manchmal solche Allüren und meint dann: „Amma, glaube mir, das muss niemand von unserer ganzen Klasse machen!“ Ich kann nicht mal sagen, dass ich dies nicht glaube, denn mit grösster Wahrscheinlichkeit ist es so. Wenn die Mutter nicht alles für die Kinder tut, dann macht es sicherlich die Maid, der Koch oder der Chauffeur. Schmutzige Kleider in den Wäschekorb legen, das Geschirr raustragen, das Zimmer aufräumen, abwaschen, … Eigentlich weiss ich ja, dass die Erziehung hier in Indien etwas anders funktioniert und trotzdem bin ich immer wieder etwas geschockt, wenn ich es selbst erlebe.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

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