Die kleinen und großen Unterschiede meines Lebens in Südindien

Das Klima

Von einem mir entsprechenden, angenehmen Klima in der Schweiz bin ich klimatisch in einen Dampfkochtopf geraten. Verschwunden sind die geliebten vier Jahreszeiten und abgesehen von dem Monsun, der uns jeweils im Oktober, November heimsucht, gibt es hier nur eins: heiß, heißer, am heißesten! Bereits im Februar steigen die Temperaturen bis sie im April, Mai zu Höchsttemperaturen um oder sogar über 40 Grad ansteigen. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit bedingt, fühlt sich die Hitze schier unerträglich an. So ist die Mittel- und Oberschicht bestens mit Ventilatoren und Klimaanlagen gegen die heißen Temperaturen gerüstet. Bei uns hat es in jedem Zimmer eine Klimaanlage und diverse Fans, die an der Decke angebracht sind.

Diese funktionieren leider nur, wenn es Strom gibt. Die Stromversorgung ist in den letzten Jahren zwar viel besser geworden, aber Stromausfälle kommen immer wieder vor und gehören zum indischen Alltag. Auch für diese Fälle sind wir gerüstet und können den Ausfall mit einer Inverter-Batterie für einige Stunden überbrücken. Ich muss ehrlich eingestehen, dass ich hier ohne Ventilatoren und Klimaanlagen kaum leben könnte. Doch von diesem Luxus können die meisten nur träumen. Strom ist teuer und so versuchen viele, die Stromrechnung möglichst tief zu halten.

Überall hat es Menschen

Oft denke ich wehmütig an meine einsamen Spaziergänge im Auenwald meiner Heimat zurück. Wo man in Chennai auch ist, man ist niemals alleine. Überall hat es Menschen – viele Menschen. Die Überbevölkerung Indiens ist in den Metropolen deutlich sicht- und spürbar. Das bedeutet im Alltag, dass man viel Zeit und Geduld aufbringen muss. So ist mein Zuhause für mich eine wichtige, kleine Oase geworden, wo ich mich zurückziehen kann. Doch die meisten Inderinnen und Inder haben auch in ihren eigenen vier Wänden kaum Ruhe und Privatsphäre. Der Wohnraum in den Megacitys ist sehr teuer und oft leben drei Generationen auf engstem Raum.

Von Fenstern und Türen

Unlogisch, unpraktisch, unsinnig – das sind unsere Fenster! Obwohl wir im ersten Stock leben, sind sie alle vergittert. Ich sehe ein, dass dies in Indien aus sicherheitstechnischen Gründen Sinn macht, aber die Wahl dieser hässlichen Gitter, die damals meine Schwiegereltern getroffen haben, ist unverständlich. Vor jedem Fenster gibt es gefängniszellengleiche Vergitterungen. Anfangs waren die Grills, wie man hier sagt, schwarz gestrichen! Dabei gäbe es viel schönere Varianten in Form und Farbe.

 

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Meine Aussicht aus dem Küchenfenster, das natürlich auch vergittert ist.

Jetzt in Weiß und mit Vorhängen sieht es etwas freundlicher aus und das Gefängnis-Feeling ist etwas gewichen.

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Unsere Fenster lassen sich nur gegen Außen öffnen. Das hat den Vorteil, dass ich sie nicht putzen kann und den Nachteil, dass sie trotzdem schmutzig werden! So, schickt mir Prabhu drei- bis viermal pro Jahr zwei Arbeiter, die dann mit einer Bambusleiter, die ehrlich gesagt nicht sehr vertrauenswürdig aussieht, abenteuerlich meine Fenster reinigen.

Dafür habe ich eine wunderschöne geschnitzte Ganesha-Tür! Das macht das Übel mit den Fenstern nicht ganz wett, aber mildert das Ganze wenigstens etwas ab ;-).

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Im oberen Teil sitzt die Göttin Lakshmi mit zwei Elefanten, die Glück bringen soll.

 

Vom Fernsehen

Ja, wir haben hier auch Netflix und ich bin froh darüber. Mein Sohn und ich schauen uns gerne Filme an. Doch wenn ein bedeutsamer Cricketmatch läuft, dann besetzt mein Liebster den Fernseher für Stunden. Dabei sollte ich noch erwähnen, dass in seinen Augen die meisten Spiele wichtig sind. Ich habe Cricket eine Chance gegeben und mir ein oder sogar zwei Spiele angeschaut. Mein gewinnbringendes Fazit: Stinklangweilig und reine Zeitverschwendung! Für diese Aussage würden mich jedoch die meisten Inder und auch Inderinnen fast lynchen.

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In der Küche

Neben den südindischen Speisen und den entsprechenden Gewürzen, die in meiner Küche immer mehr Fuß fassen, gibt es noch andere Unterschiede. Mein Gasherd ist mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen und ich möchte nie wieder zurück zu einem Elektroherd.

Dafür vermisse ich das gute Wasser aus der Schweiz! Sorgenfrei Trinkwasser vom Hahn zu trinken, wäre hier undenkbar. Selbst mit unserem Water Purifier, der mit etlichen Kartuschen und Filtern gefüllt ist, traue ich der Wasserqualität nie ganz.

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Unser Wasserfilter, das gefilterte Wasser brauchen wir zum Trinken und zum Kochen.

Geschirr? Ja, es gibt das indische Stahlgeschirr in meinem Schrank, das alle Westler hässlich finden und an Gefängnisgeschirr erinnert. Zwar nur in einer bescheidenen Anzahl, aber es hat drei Stahlteller und einige Tumblers (Stahlbecher).

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Daneben habe ich auch einige praktische Geräte für die indische Küche angeschafft.

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Meine Limetten-Presse wird im Sommer oft gebraucht um den kühlenden Lime-Juice herzustellen
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Meine Tava, eine flache Bratpfanne. Unerlässlich, um Dosai und Chapati zu machen.
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Auch dieses Gitter brauche ich für Chapati – über die Gasflamme gehalten gegen sie nach dem Backen wunderbar auf.
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Indische Snacks gefällig? Mit dieser Presse werden Murukku oder Ribbon Pakoda hergestellt.

Von Hausangestellten

Ja, in Indien hat jeder aus dem Mittelstand eine Maid. Familien aus der höheren Mittel- und Oberschicht haben sogar Staff. „My maid is…, I’ve found a driver now …, do you know a good cook?, …” Wie oft geht mir dieses Wohlstandsgeplapper auf die Nerven! Eines habe ich jedoch schnell entdeckt, viele haben mit ihrem Staff Ärger und sind unzufrieden. Gutes und vertrauenswürdiges Personal zu finden, scheint wirklich schwierig zu sein.

Ich habe seit einigen Jahren eine Angestellte und mit ihr bin ich weitgehend zufrieden. Nur fehlt sie sehr oft, weil sie oder ihr Mann immer wieder krank sind. Eigentlich habe ich sie hauptsächlich zum Nähen meiner Rosenblatt-Produkte angestellt. Sie verdient für indische Verhältnisse hervorragend. Tatsächlich bezahle ich zu viel, aber ich will ihr bewusst einen guten Lohn geben, da sie ihre vierköpfige Familie alleine durchbringt. Morgens hilft sie mir rund eine bis zwei Stunden bei den Hausarbeiten und danach näht sie. Sie arbeitet 7 Stunden täglich, fünf Tage die Woche. Sie ist zuverlässig und ich muss nicht ständig hinterher kontrollieren. Oft sieht sie die Arbeit auch von selbst, worüber ich sehr glücklich bin. In Indien bin ich ein ganz schlechter Boss. Ich kann Leute nicht herumkommandieren und mit Strenge behandeln. Wenn ich jedoch beobachte wie die sogenannten Reichen und Gutausgebildeten dieses Landes mit ihrem Personal umgehen, dann bleibe ich sehr gerne eine schlechte, aber nette Chefin.

Obwohl das Kochen nicht meine Lieblingsbeschäftigung ist, habe ich keinen Koch. Da wir eine offene Küche haben, wäre dies auch etwas schwierig. Das Mittagessen koche in der Wohnung meiner Schwiegereltern gemeinsam mit meinem Schwiegervater. Wenn ich mal gar nicht kochen mag, bestelle ich bei Swiggi. Das ist ein Essenslieferant, der praktisch alle Restaurants in der Nähe abdeckt. Man bestellt via App beim Lieblingsrestaurant und lässt sich das Essen nach Hause bringen.

Für einen festangestellten Fahrer hätten wir zu wenig Beschäftigung. Wenn ich weggehe, denn rufe ich einfach einen Calldriver, der mich dann mit unserem eigenen Auto herumchauffiert.

Was ich in Indien sehr genieße, ist die Tatsache, dass ich nie bügeln muss. Die gewaschene Wäsche gebe ich auswärts und gegen Abend wird mir alles schön gebügelt und gefaltet zurückgegeben.

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Meine gebügelte Wäsche in den Schrank legen und fertig! 

Als Hausfrau, die nicht so gerne Hausarbeiten macht, lebt es sich in Indien ganz famos!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

10 Kommentare

  1. 😄 vermisst du das essen in Europa ? Etwas bestimmtes aus der Schweiz, was du in Chennai nicht kaufen kannst ? Kochst du manchmal schweizerische Gerichte ? Cricket habe ich zwar nie geguckt …aber ich weiß : ich würde genau dasselbe davon halten 😅

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, das gibt es schon. Richtig rezenter Greyerzer- Käse und gutes, knuspriges Brot aus der Bäckerei. Ansonsten bekommt man hier inzwischen fast alles. Eine Frage des Preises, aber ab und zu gönnt man sich etwas. Ja, ich koche auch mal was Schweizerisches. Rösti beispielsweise. Mein Sohn mag Pasta in allen Variationen und auch Omeletts kommen ab und zu auf den Tisch. LG aus Chennai Irene

      Gefällt 3 Personen

  2. Danke für die interessanten Einblicke in deinen Alltag ! Ich finde Cricket auch sterbenslangweilig und obendrein völlig undurchschaubar. Es wird ja auch ohnehin nur in Teilen des ehemaligen britischen Weltreichs gespielt, die Briten lieben schließlich Undurchsichtiges 🙂

    Gefällt 1 Person

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