Indien – viel Lärm und niemand stört’s

 

Der Pressluftbohrer dröhnt und hämmert schon seit Stunden. Die Fenster nicht isoliert, hört es sich an, als ob im Nebenzimmer gearbeitet würde. Doch es sind die Nachbarn zur rechten Seite, die den Lärm verursachen. Nach einigen Regentagen haben sie bemerkt, dass ihr Dach nicht mehr monsuntauglich ist – es hat reingeregnet. Nun wird die Dachfläche neu gemacht. Die beiden jungen Männer wechseln sich mit dem Pressluftbohrer ab. Nur zum Lunch verschwinden sie rund 30 Minuten. Endlich etwas Ruhe!

Während in der Schweiz alles kleinkariert geregelt ist, herrscht hier die große Freiheit. Die Inder sind viel toleranter, wenn es um Lärm geht.

Kein Nachbar beschwert sich hier über laute Musik, Baulärm oder Hundegebell, und keiner kennt die heilige Mittagsruhe, die eingehalten werden muss.

Für Lärmempfindliche sind die Großstädte Indiens definitiv ungeeignet. Hier spricht keiner über Lärmschutzmaßnahmen und über krankmachenden Lärm. Auf den stark befahrenen Straßen wird wie wild gehupt und die Anwohner müssen sich damit arrangieren. Auch eine Lärmschutzwand habe ich in Indien noch nirgends entdeckt. Man lebt hier so eng zusammen, dass man von den Nachbarn oft mehr mitbekommt, als man eigentlich möchte.

Von der Moschee her vernimmt man die Gebete des Muezzins und von den Tempeln wird man oft über Lautsprecher mit Mantras und heiligen Gesängen beschallt.
Auch die vielen Straßenverkäufer, die durchs Quartier kommen, bieten lautstark ihre Waren an.

„Pathe Ruba, Pathe Ruba, …“, dröhnt es über einen Minilautsprecher, wenn der Ramschverkäufer vorbeikommt, der allerhand Plastikzeug für 10 Rupien verkauft. Einige Verkäufer haben technisch aufgerüstet und kleine Lautsprecher installiert. Alle paar Sekunden den gleichen Text abspielend, hört man sie schon von Weitem.

Kühlt es abends etwas ab, kommen die Kinder auf die Straße, um zu spielen. Da es kaum Spielplätze und Raum für die vielen Kinder gibt, wird auf der Straße Badminton, Cricket und Ball gespielt oder Rad gefahren. Während der Ferien oder am Wochenende hört man sie oft bis in die späten Abendstunden. Ob sich jemand daran stört?

Nein, Kindern gegenüber ist man im Lande Gandhis wohl so tolerant wie nirgendwo anders. Mit Kindern ist man immer und überall willkommen und ihr Spiel und Geschrei stört scheinbar nie.

Ich finde vor allem den Baulärm lästig, aber da mein Liebster selbst in der Baubranche tätig ist, und wir davon leben, will ich mich nicht beklagen und übe mich immer wieder in großzügiger Toleranz.

Durch das tropische Klima bedingt ist es auch in den Wohnräumen nie ganz ruhig. Entweder kreist der Ventilator über einem oder die Klimaanlage surrt leise vor sich hin. Als wir im Oktober die Hillstation Yercaud besucht haben, war es ohne Ventilator und Klimaanlage so still, dass es mir schon fast unheimlich wurde. Verrückt, aber wahr – tatsächlich fehlten mir die vertrauten Geräusche zum Einschlafen.
Spannend finde ich auch, dass Naturgeräusche mich überhaupt nicht stören. Ein heftiger Regen, das Krächzen der Krähen, das Geschnatter der Papageien oder das laute Pfeifen der Streifenhörnchen hat mich noch nie gestört. Höchstens das Gebell der Straßenhunde nervt mich manchmal, vor allem nachts – und vor allem, weil unsere zwei Hundemädels lautstark ihren Senf dazu geben müssen.

Wie anders ticken da die Schweizer. Man stört sich an Kuh- und Kirchenglocken, verträgt keine spielende Kinder, keine Musik, keinen Straßen- und Zuglärm, … Dabei ist die Schweiz im Vergleich zu Indien eine ruhige Oase …

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

7 Kommentare

  1. Hallo liebe Irene,
    wieder einmal hast du in wunderbarer Weise Alltagssituationen beschrieben, die ich genauso auch in Ägypten erlebe. Deine Aussage “ ich übe mich in grosszügiger Toleranz “ könnte ebenso gut von mir stammen. Mit der Zeit habe ich mich auch an viele Dinge gewöhnt, die für meine Freunde und Bekannten in Deutschland schier unerträglich wären … vom Lärm angefangen, dem Gleichmut dem öfter ausfallenden Strom gegenüber besonders in den heissen Monaten, dem Schmutz und Unrat in den Wohngebieten, bis hin zu dem alltäglichen Müll sogar vor den eigenen Wohnungstüren, der nicht einfach mal selbst entsorgt wird, denn dafür ist ja der ‚doorman‘ zuständig.
    Toleranz zu üben … darin tun wir Europäer uns oft schwer, meine Wenigkeit mit eingeschlossen. Viele Grüße aus noch Jaisalmer.
    Brigitte

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