Das Abenteuer Indien beginnt

Mit diesem Beitrag sind es nun genau 200 Blogartikel, die ich bereits veröffentlicht habe. Zeit zurückzuschauen, zu reflektieren und auch in meinem Tagebuch zu stöbern, das ich damals ziemlich regelmäßig geführt habe. Dabei bin ich bei meinem ersten Indieneintrag hängen geblieben. Was war das damals für ein Abenteuer und wie mutig habe ich mich auf die Auswanderung nach Indien eingelassen.

Welcome to Chennai – aus meinem Tagebuch vom Februar 2006

Angespannt, nervös schaue ich aus dem kleinen, runden Fenster. Es ist fast Mitternacht und wir fliegen über Chennai, unseren Zielort. Orange Lichter beleuchten die Millionenstadt und schon beginnt der Sinkflug. S. schläft selig in meinen Armen und spendet mir etwas Trost. Ich denke an Lara, unsere Hündin, die irgendwo im Flugzeugbauch zittert. Wie es ihr wohl geht? Hat sie die Reise gut überstanden? War es richtig, sie mitzunehmen? Was wird mich an diesem fremden Ort wohl erwarten? Haben wir uns richtig entschieden? Alles wird nochmals infrage gestellt.

Wir landen und suchen unser Handgepäck zusammen. Beim Ausgang wird uns der Kinderwagen ausgehändigt, so haben wir wieder die Hände frei. S. erwacht langsam und nimmt die neue Umgebung gespannt wahr. Sofort erkundigen wir uns nach Lara, die wir nach einiger Wartezeit in ihrer blauen Transport-Box in Empfang nehmen können. Sie freut sich riesig, uns zu sehen. Erleichtert und sehr durstig trinkt sie einen vollen Napf Wasser leer. Um durch den Zoll zu gelangen, muss sie leider wieder in die Kiste zurück, was sie gar nicht begeistert aufnimmt. Ich halte alle Papiere für Lara bereit. Zwei Männer begutachten sie wichtigtuerisch. Haben sie etwas von Quarantäne gesagt? Prabhu bleibt sichtlich gelassen und ruhig. Schließlich lassen sie uns passieren.

Ich schwitze, ziehe meinen und auch den Pulli von unserem Sonnenschein aus. Als wir den Flughafen verlassen, erfasst uns eine Hitzewelle, die mich fast erdrückt. Draußen ist ein Chaos, ein Durcheinander von Menschen. Namensschilder werden hochgehalten, Namen werden gerufen. „Pass gut auf deine Handtasche auf“, sagt mein Liebster zu mir. Da entdeckt er seinen Angestellten Bhava, der uns abholt. „Welcome to Chennai“, sagt er zu uns und schenkt S. und mir eine rosa Rose. Ein grosser Jeep mit Fahrer steht bereit. Sie heben das Gepäck auf das Dach, und ich gehe schnell mit Lara Gassi. Viele neugierige Blicke verfolgen mich, nehmen mich wahr. Es ist ein unangenehmes Gefühl. Lara ist ganz verängstigt und durcheinander.

Wir fahren zu unserem Haus, das wir nie zuvor gesehen haben. Prabhus Vater und Bhava haben dies für uns gemietet und alles arrangiert. Die Fahrt ist schrecklich. Ängstlich drücke ich S. an mich. Es holpert, ständig hupt der Fahrer und er fährt wie ein Rowdy. Endlich kommen wir an. Ein kleines Haus erwartet uns, drei Zimmer, alles ist klein, schmuddelig. Ich finde es auf den ersten Blick nur fürchterlich. Prabhus Eltern haben uns das Allernotwendigste rein gestellt: Zwei braune Kunststoffstühle und ein kleiner roter für S. , drei Matratzen, die in Plastik verpackt im hinteren Zimmer liegen, etwas metallenes Kochgeschirr, vier Decken und Kissen, ein grosser, gefüllter 20 Liter Wasserbehälter, ein gebrauchter Gasherd, der alte Kühlschrank der Eltern …

Prabhu schaltet gleich die Klimaanlage ein, die sein Vater hat installieren lassen und ich packe die Matratzen aus. Das große Fixleintuch und die Kissenbezüge, die ich im Koffer mitgenommen habe, erfüllen ihren Dienst. „Wollen wir noch das Moskitonetz aufhängen?“, frage ich meinen Liebsten. Der verneint und meint, wenn die Klimaanlage eingeschaltet wäre, dann würden die nicht kommen. Tja, dem ist nicht so! Als wir endlich müde auf unseren Matratzen liegen, surrt es um uns herum. Prabhu ist immer noch optimistisch und meint, da würde es sich nur um eine Mücke handeln. Nachdem er einen Blutsauger mit seinen Händen zerquetscht hat, hoffen wir auf Ruhe. Vergeblich! Schließlich sieht auch er ein, dass es mehrere Mücken im Zimmer hat, die auf unser Blut warten. Das Moskitonetz wird aufgehängt. Kein leichtes Unterfangen ohne Nägel und Werkzeug. Gott sei Dank habe ich noch etwas Schnur eingepackt und wir befestigen das Netz provisorisch an der Neonröhre. Geschützt liegen wir unter dem Netz.

S. schläft ruhig zwischen uns und bald höre ich auch meinen Liebsten leise schnarchen. Nur ich finde keinen Schlaf. Die Klimaanlage surrt laut, ich höre fremde, ungewohnte Geräusche. Ein Flugzeug überfliegt unser Haus. „War dies wirklich die richtige Entscheidung?“

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Unser Haus bei Tageslicht. Dank dem schönen Garten mit genügend Raum zum Spielen für S. und Lara sind wir dann doch über zwei Jahre geblieben. 

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

22 Kommentare

  1. Liebe Iréne – ja, das Abenteuer Indien!
    Wie gut kenne ich dies – deine Beschreibung der Ankunft. Als wir damals, vor unendlich langer Zeit – 1982 – in Indien ankamen, ich aus dem Flugzeug in Delhi stieg, wir dann endlich im Bus saßen, und in einem guesthouse am Connaught place in einem schmutzigen Zimmerchen ankamen, wollte ich eigentlich gleich wieder umkehren.
    Nach drei Monaten Rucksack-reisen durch Indien – wollte ich nicht wieder weg …

    Heute – ein Monat und ein paar Tage noch 69-jährig – denke ich oft an Indien und die wunderbare Zeit in dem ambivalenten – wunderschön und schrecklich gleichzeitig – Land, in meinem Seelen-land.

    Liebe Grüße an dich und an Indien
    Monika 🙂

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      1. Nein – die Jahre vergingen – und immer wieder – dann – ja, dann …
        In den folgenden Winter-Jahren nach 1982 war ich in einem buddhistischen Kloster in Sri Lanka und begann dort meine Ausbildung in Vipassana (Achtsamkeits-Meditation) Sri Lanka hatte uns verzaubert …

        Und Indien?
        Das „dann“ kam nie – zu viel an Alltag / Aufbau meiner Praxis / Ablenkungen / anderes, scheinbar wichtigeres …

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  2. Indien-Ambivalenz
    (geschrieben 1984)

    das sehnen
    nach dir
    Indien

    atmen mit dir
    Shiva
    und tanzen
    deinen tanz
    kosmischer reigen

    am morgen
    im nebel die hütten
    die feuerstellen
    es riecht
    nach verbranntem dung

    die ersten sonnenstrahlen
    der nebel wird rosa
    die hütten
    verzaubert

    nicht wirklich
    nicht wirklich arm
    nicht wirklich elend

    märchen
    erzählt von einem märchenerzähler
    von weißen elefanten
    und prinzen und maharadschas
    und palästen
    und weißen gemächern aus marmor

    nebel steigt
    und hütten und schmutz und elend
    und gestank und weinende kinder
    und bettler

    das meer
    glitzern der sonne
    möven, palmen
    warmer sand
    bunte saris
    braune körper
    kinderlachen
    meeresrauschen

    immer
    für immer
    stille
    Indien

    (M.K., 1984)

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      1. Ja, das weiß ich, liebe Irene. Ich bin immer informiert über die politische und gesellschaftspolitische Lage in Indien, über die Misere der Frauen und die Frauenbewegung, etc. etc.
        Eine Freundin von mir lebt mit ihrem Mann, beides Deutsche, seit 15 Jahren in Puttaparthi.
        Umso mehr schätze ich den Schatz meiner Erinnerungen an diese Zeit in Indien, weil ich weiß, dass es dieses Indien, das wir damals – noch zum Großteil ohne Tourismus, erleben durften, nicht mehr gibt. Ein Freund digitalisiert in diesen Tagen unsere damals gemachten 600 Dias und ich freue mich schon sehr, sie mir wieder einmal – und dieses mal in noch besserer Qualität ansehen zu können …

        Erinnerungen – Indien ist jetzt anders und ich auch 😉

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  3. Oh, das war sicher ein starker Einstieg ! Aber das Haus auf dem Foto sieht doch zumindest von außen gar nicht schlecht aus. Das hatte ich mir beim Lesen anders vorgestellt 🙂
    Ich war nur einmal in Indien und hatte den gleichen Ersteindruck: ein Schwall von Hitze und unendlich viele Leute …..

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    1. Ja, es hat sich sehr viel geändert. Im Außen und im Innen. Die Großstädte Indiens haben sich sehr „verwestlicht“ und technologisch entwickelt. Wenn ich an die Internetverbindung im Jahre 2006 zurückdenke 🤦‍♀️! Auch Mac Donalds, Starbucks und Co gab es damals nicht. Vieles konnte man auch gar nicht kaufen. Tampons, Kinderzahnpasta, Käse, … gab es alles nicht. Jetzt ist alles da. Man zahlt zwar viel dafür, aber solche Kleinigkeiten machen das Leben in Indien doch einfacher. Auch liebe ich es in Starbucks einen superteuren Kaffee zu trinken und einige Zeit dort zu verweilen. Ich selbst habe mich sicherlich auch sehr verändert. Ich denke, dass ich dankbarer, toleranter und in vielen Dingen „notgedrungen“ geduldiger geworden bin. Liebe Grüße aus Chennai Irene

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  4. Oh, wie gut ich das nachfühlen kann, liebe Irene. Ich bin zwar nicht vollständig ausgewandert und auch nicht nach Indien sondern habe meinen Alterswohnsitz teilweise nach Ägypten verlegt. Das liegt auch mittlerweile schon 11 Jahre zurück und ich fühle mich uneingeschränkt wohl. Trotz mancher Widrigkeiten im Alltag bin ich hier mehr Zuhause als in Deutschland. Nur die Familie und einige Freunde vermisse ich, aber ich habe ja die Freiheit, jederzeit,wenn mir danach zumute ist, sie zu sehen,denn Ägypten ist nur 5 Flugstunden entfetnt und ich habe keinerlei Verpflichtungen in Ägypten. Danke für diesen schönen Bericht.

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      1. Da ich die Wintermonate meistens in Ägypten verbringe, in denen die Temperaturen den unsrigen vom Sommer ähneln, ist es sehr angenehm. Als ich die ersten Wochen im September nach Rajasthan reiste, hatte ich so manchen Tag mit dem heissfeuchten Klima auch so meine Probleme.

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  5. So ähnlich ist auch hier in Hurghada die Veränderung einhergegangen. Der Zugang zum Internet hat viel dazu beigetragen und natürlich die Nachfrage von denjenigen, die sich ein wenig „Luxus“ eher leisten können. Heute hat fast jeder ein Mobiltelefon, wenn nicht sogar Smartphone und kann sich informieren, was es so auf dem Markt alles gibt. Die Kehrseite der Medaille: der Konsum hat seinen Preis und die Zugänglichkeit macht es nicht leichter für diejenigen, die sich vieles eben doch nicht leisten können. Der Frust und auch der Neid hat zugenommen, der Konsumzwang, dem sich viele nicht entziehen können.

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