Jodhpur – die blaue Stadt (Teil 2)

Ihre Augen leuchteten vor Freude als ich ihr von unserem kommenden Jodhpur-Trip erzählte. „Oh, da musst du unbedingt Makhani Lassi trinken und Katchori essen und Gulab Jamun! Weißt du, die sind nicht in Zuckersirup eingelegt – die wirst du mögen und natürlich frische Jalebi! Und rote Karotten musst du unbedingt kaufen und Erbsen und in Jodhpur bekommst du das beste Hing Powder…“ Ruby schwelgte in Kindheitserinnerungen und kulinarischen Genüssen. Ihre Sommerferien hatte sie immer in Jodhpur verbracht. Erst als sie mir alle vegetarischen Leckereien und Lieblingsgerichte schmackhaft gemacht hatte, erzählte sie mir von den wichtigsten Sehenswürdigkeiten.

Wir sind leider nur 3 Nächte in Jodhpur, d. h. wir haben zwei ganze Tage, um die Stadt zu erkunden.

Am zweiten Tag spazieren wir mit einem netten Guide rund drei Stunden durch die engen Gassen der Altstadt. Unser Rundgang beginnt beim berühmten Sardar Market mit dem Glockenturm.

Sardar Market mit Glockenturm

Um acht Uhr ist der Markt noch leer und still. Nur ein paar Kühe und Hunde tummeln sich auf dem Platz. Unser Sohn und ich kommen in der kühlen Morgenluft und nach einem Masala Chai schnell in den Fotografiermodus. Immer wieder bieten sich hübsche Fotosujets. Nur die wirren Stromleitungen und -kabel, die praktisch jedes Bild zerschneiden, nerven uns.

Überall entdeckt man Tauben
Auch die heiligen Kühe sind in den engen Gassen unterwegs
Und überall trifft man süße Straßenhunde.

Unser Guide macht sich bezahlt. Warum viele Häuser blau gestrichen sind, hat mehrere Gründe. Der Maharaja forderte zuerst die Kaste der Brahmanen auf, sich direkt unter dem Fort anzusiedeln. Dort waren sie am besten vor feindlichen Angriffen geschützt. Um die unerträgliche Sommerhitze auszuhalten, beschlossen sie die Häuser in mit einer Indigo-Mischung blau zu streichen. Weiße Farbe wäre wegen der direkten Sonneneinstrahlung zu grell gewesen. Viele meinten auch, dass die blaue Farbe Moskitos fernhalten würde. Doch das Blau hat auch einen spirituellen Hintergrund. Die meisten Brahmanen in Jodhpur sind scheinbar Shivaiten, d. h. sie verehren Lord Shiva. Der hinduistischen Mythologie nach wurde beim Aufquirlen des Milchozeans nicht nur das Amrit, der Trank der Unsterblichkeit, sondern auch ein schreckliches Gift geschaffen. Um die Welt zu retten, hat Shiva das Gift getrunken. Seine Gattin Parvati hielt ihm jedoch den Hals zu, sodass es sich nicht in seinen ganzen Körper ausbreiten konnte. So wurde der Hals von Shiva blau gefärbt. Darum wird er auch Neelakantha (Blauhals) genannt. Die blaue Farbe ist auch als Zeichen und Opfergabe für Shiva zu verstehen.

Viele Häuser kombinieren die blaue Farbe mit gelb, pink oder grün. Unser Führer erzählt uns, dass diese Farben die drei Göttinnen Lakshmi (pink), Saraswati (gelb) und Parvati (grün) symbolisieren. Bei Tempeln findet man dann oft alle Farben wieder.

Ohne Führung wäre es definitiv schwierig, sich in den verwinkelten, engen Gassen zurechtzufinden. Die Stadt wurde bewusst so angelegt, um die Feinde im Falle eines Angriffs zu behindern und das Fort zu schützen.

Natürlich kennt unser Guide auch die besten Orte, um all die Leckereien zu kosten, die mir Ruby ans Herz gelegt hat. Die Mogar Katchori, mit gelben Linsen gefüllt, sind sehr lecker.

Mogar Katchori

Obwohl ich Jalebi normalerweise nicht mag, muss ich mein Urteil revidieren. Ganz frisch und noch warm sind sie eine wahre Gaumenfreude.

Frische Jalebi

Auf meinen Wunsch hin werden wir auch zu Chaturbhuj geführt. Es ist das beste Geschäft, um die berühmten trockenen Gulab Jamun zu kaufen. Ich decke mich mit zwei Schachteln ein, eine davon natürlich für meine liebe Freundin.

Auf dem Markt staune ich über das riesige Gemüse. Die weißen Rettiche sind sicher doppelt so groß wie in Chennai. Ein Kilo der roten Karotten landen schließlich auch in meiner Tasche.

So neigt sich unser Blue City Walk mit vielen geknipsten Bildern langsam dem Ende zu. Ein tolles Erlebnis, das ich nur weiterempfehlen kann.

Unser Sohn möchte die Wüste sehen. Wir werfen all die andern Sehenswürdigkeiten über Bord und nach einer Siesta fahren wir gemütlich nach Osian, um eine Wüstensafari zu machen. Die Fahrt dauert rund 2 Stunden. Es ist schon spät am Nachmittag, als wir in Osian ankommen. Für mich ist klar, dass ich auf keinem Kamel reite. Mir tun die armen Tiere leid.

Um den Wüstensand zu bezwingen, steigen wir in einen Jeep. Voller Speed fährt der Fahrer die Sanddünen herauf und herab. Wer noch keinen Bandscheibenvorfall hatte, der kriegt ihn sicherlich in Osian. Unser Sohn findet dies cool – seine Mutter hingegen nur verrückt, unzumutbar und gefährlich. Irgendwie komme ich mir bei diesem Abenteuer unglaublich alt und als Spielverderberin vor, aber ich kann da wirklich nicht mitmachen. So drosselt mein Liebster den Fahrer rapide ab, und wir fahren gemütlich durch die karge Wüstenlandschaft – bis die Sonne untergeht.

Der erste Teil findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2020/01/08/jodhpur-die-blaue-stadt-teil-1/

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

11 Kommentare

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s