Hampi – einmal groß und nun ganz klein

Kennt ihr die Steintürmchen, die man oft an Fluss- oder Seeufern sehen kann? Als Achtsamkeits- oder Meditationsübungen entstehen kleine Kunstwerke, die richtig ausbalanciert der Schwerkraft trotzen.

Genauso erlebe ich im indischen Karnataka die Landschaft in und um Hampi. Es kommt mir vor als ob die gesamte indische Götterwelt hier mit den vielen Granitfelsen und -steinen gepuzzelt oder liebevoll Meditationstürmchen aufgebaut hätte. Es ist eindrücklich. Immer wieder entdecke ich einzelne Steine, die spektakulär und wie von Geisterhand das Gleichgewicht halten.

Das unscheinbare Dorf Hampi, das heute vorwiegend von der Landwirtschaft und dem Tourismus lebt, war einmal ganz groß. Vijayanagar hieß der Ort damals und war die Hauptstadt eines riesigen, mächtigen Hindu-Reiches. Die vielen zurückgebliebenen Ruinen von Palästen und Tempeln lassen den Glanz und den Wohlstand nur erahnen. An den Basaren wurden damals mit Smaragden, Rubinen, Diamanten, Gold, Gewürzen, kostbaren Stoffen und Pferden gehandelt. Handelsreisende aus aller Welt führte es in die blühende Metropole. Der Höhepunkt der Macht erreichte Vijayanagar unter der Führung des Hindu-Königs Krishnadeva Raya (1509-29). Doch im Jahre 1565 zerfiel das Reich und erlebte trotz großer militärischer Stärke eine katastrophale Niederlage. Der damalige König Rama Raya beging den verhängnisvollen Fehler verfeindete moslemische Reiche gegeneinander auszuspielen. Als Folge schlossen sich die Armeen verschiedener Sultanate zusammen und vernichteten und plünderten die Stadt. Die Zerstörungswut der Sieger machte auch vor heiligen Tempeln und Götterstatuen keinen Halt. Vijayanagar sollte sich von dieser Katastrophe nie wieder erholen.

Übrig geblieben sind rund 3700 Ruinen und Monumente, die auf über 36 Quadratkilometer verstreut sind.

Auch heutzutage gibt es immer wieder Schatzsuchende, die erhoffen in den Überresten Gold und Edelsteine zu finden. Die Ruinen, die zum Unesco Weltkulturerbe gehören, werden nachts von Sicherheitskräften bewacht. Die Anlage ist jedoch so groß und unübersichtlich, dass es immer wieder zu Beschädigungen kommt.

Wer sich für Geschichte und Archäologie interessiert, kommt in Hampi auf seine Kosten. Wir besuchen in zwei Tagen ein paar auserwählte historische Stätten und sind bald übersättigt von Ruinen und Skulpturen.

Sri Virupaksheswaraswamy Tempel

Viele Tempel in Hampi sind nicht mehr aktiv, d. h. es werden keine Gottesdienste mehr durchgeführt. Es fehlen meist auch die Götterstatuen, die restauriert im Museum liegen. Ist ein Tempel bemalt, bedeutet dies, dass er aktiv, in Betrieb ist. So ist es auch mit dem berühmten Virupaksha-Tempel. Geweiht ist der heilige Ort Lord Shiva in seiner Inkarnation als „Herr des Flusses“. Auch die 35-jährige Elefantendame Lakshmi trifft man im Tempel an. Unser Führer preist ihre Intelligenz, denn scheinbar segnet sie die Menschen nur noch für Noten und lässt Münzen links liegen. Tja, die arme Lakshmi! Nun macht der Kapitalismus selbst vor Tieren nicht mehr Halt und der Mahut, der Elefantenführer ist an dieser Entwicklung natürlich gänzlich unschuldig. Ich liebe Elefanten und darum verzichte ich dankend auf eine Segnung.

Auch hier überall flinke Affen
Alte Frauen betteln am Ausgang um Almosen

Vittala Tempel

Von allen Ruinen ist dies wohl der Höhepunkt. Im Hof fällt einem sofort der kunstvollverzierte Prozessionswagen (Ratha) aus Stein ins Auge. Er ist mit dem Abbild von Garuda, dem Adlerwesen geschmückt und repräsentiert das Fahrzeug von Lord Vishnu. Scheinbar konnten die Räder einst sogar gedreht werden.

Der hinduistische Gott Vishnu findet man in der Tempelanlage immer wieder. Bei der Hochzeitshalle sogar in all seinen 10 Inkarnationen.

Sehr gut gefallen uns die Landschaft und der Fluss Tungabhadra. Bei einer Bootsfahrt in einer kleinen „Nussschale“ genießen wir die Stille und beobachten Graureiher, Eisvögel, Kormorane, Bachstelzen und entdecken auch hier auf den Felsen immer wieder Affen.

Den Sonnenuntergang erleben wir auf dem Malyavanta Hill. Auch hier steht ein Tempel. Der Ragunatha-Tempel ist Lord Rama gewidmet. Hier sollen der Legende nach Rama und sein Bruder Lakshmana Unterschlupf vor dem Monsun gefunden haben. Etwas weiter oben ist nochmals ein kleiner Tempel in dem Hanuman, der Affengott verehrt wird.

Neben dem Tempel verdient sich „Hanuman“ beim Posieren einige Rupees.

Wir sind bei Weitem nicht die Einzigen, die hier den Sonnenuntergang genießen.

Die steinige Landschaft mit den vielen Granitfelsen, die grünen Reis- und Bananenfelder und die rote Sonne haben etwas Magisches.

Auf den Spuren Hanumans – der Anjana Parvath Tempel

Die Armee des Affengottes Hanuman ist in Hampi allgegenwärtig. Freche Makaken und Languren lauern überall und klauen blitzschnell, wenn jemand etwas Essbares in der Hand hält oder für einige Sekunden die Tasche aus den Augen lässt. Hampi wird als Kishkindha, das Reich der Affen bereits in dem Epos der Ramayana erwähnt. Hier herrschte der Legende nach einst Hanumans Vater, König Kesari. Hanumans Mutter ist die Göttin Anjana, die nach seiner Geburt beschloss auf der Erde zu bleiben und ein „weltliches“ Leben zu führen. Unweit von Hampi entfernt, liegt auf dem Anjaneyadri Hill der Anjana Parvath Tempel. Als Geburtsstätte von Hanuman wird dieser heilige Ort von vielen Pilgern besucht. 575 Treppenstufen muss man erklimmen, bevor man den kleinen Tempel erreicht. Belohnt wird man von einer atemberaubenden Aussicht.

Auf dem Weg zum Tempel

Oben angekommen!
Auch hier überall freche Affen

Zum Sonnenaufgang oder –untergang lohnt sich der Aufstieg sicherlich noch mehr. Viele Senioren, die in Reisebussen von Rajasthan und Uttar Pradesh anreisten, besuchen mit uns zusammen den Tempel. Gegenseitig und voller Inbrunst motivieren sie sich gegenseitig, indem sie immer wieder Gottesnamen rezitieren. Eine alte Frau erklettert die Treppenstufen auf allen vieren. Das berührt mich sehr.

Enttäuscht beobachte ich in Hampi immer wieder Touristinnen, die doch tatsächlich beabsichtigen, knapp bekleidet in Shorts und Miniröcken heilige Plätze und Tempel zu besuchen. Haben die vor ihrer Reise denn niemals einen Reiseführer aufgeschlagen?

Bouldern auf der Hippie-Island

Als unser Sohn erfährt, dass man in Hampi bouldern, d. h. Felsen hochklettern kann, ist er Feuer und Flamme. So fahren wir am späten Nachmittag zur Hippie-Island. Dort wird professionelles Bouldern mit einem Trainer angeboten.

Auf der Hippie-Insel, am anderen Flussufer, findet man kleine Guesthouses, Restaurants und Shops. Es ist ein kleines Backpacker-Paradies, denn hier sind all die Reisenden mit schmalem Reisebudget. Man ist ungestört unter sich und vielen scheint es so gut zu gefallen, dass sie länger bleiben.

Idyllische Reisfelder auf der Hippie-Island

Nach dem Klettern gönnen wir uns noch einen Drink in einem Restaurant. Während ich, halb auf Kissen liegend, meinen Old Monk schlürfe und ein Stück leckere Pizza esse, schaue ich mich auf der Dachterrasse um. Da wird gekifft, getrommelt, Schach gespielt und die Damen sind so leicht bekleidet, dass auch ich nur staune.

Den Menschen aus Hampi und den umliegenden Dörfern ist dieser Ort schon lange ein Dorn im Auge, und es gibt politische Bestrebungen alles abzureißen. Auf der anderen Flussseite, rund um den Virupaksha-Tempel, wurde vor einigen Jahren radikal eingegriffen. All die Gästehäuser, Läden und Restaurants wurden abgerissen. Die Inhaber mit kleinen Geldbeträgen abgespeist, bekamen etwas Land in den umliegenden Dörfern zugeteilt. Dies wird immer noch als Ungerechtigkeit empfunden und viele kämpfen seither für ihr Auskommen. Auch die leicht bekleideten Frauen und der Hippie-Groove mögen viele nicht. Wie es mit der Hippie-Island weitergeht, ist also etwas ungewiss.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

8 Kommentare

    1. Wunderschöner Bericht, ich habe meine große Indien Reise nie vergessen. Vielleicht das sie beschrieben haben, habe ich ebenfalls gesehen, die unvergesslichen Sonnenaufgang und Sonnenuntergänge sehe ich jetzt noch. Ich habe meine große Indien Reise im Norden begonnen und habe Sie im Süden beendet. Ich habe Chennay ebenfalls gesehen.
      Vielen lieben Dank für Ihren Beitrag und alles Liebe für dich Renate

      Gefällt 1 Person

  1. Ich freue mich über diesen Bericht! Toll. Hampi hat mir gut gefallen. Schade, dass der Hippie Groove (auch wenn er mir zusagt) so übertrieben wird… Hast du zufällig Fotos von vor 2016 oder früher, bevor alles abgerissen wurde?
    Sehr schade finde ich, dass Hampi so zugemüllt ist…

    Gefällt 1 Person

    1. Nein, leider habe ich keine Bilder von früher. Ich war im Januar 2020 zum ersten Mal in Hampi. Mit dem Müll fand ich es nicht so schlimm, aber vielleicht bin ich durch das Leben in Chennai inzwischen so abgehärtet, dass ich dies inzwischen anders wahrnehme. LG aus Chennai Irène

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