Ausnahmezustand in Indien – Tag 2 des Lockdowns

Das Sehen der Nachrichten ist zur täglichen Routine geworden.

Bereits seit dem 15. März ist unser alltägliches Leben in Chennai durch das Coronavirus auf den Kopf gestellt worden. Obwohl die Fallzahlen in Indien noch recht tief waren, hat Tamil Nadu schon recht früh Maßnahmen beschlossen. Schulen, Malls, Kinos, Restaurants, Tempel, … wurden geschlossen. So wird unser Sohn nun schon die zweite Woche online unterrichtet. Ich bin positiv überrascht, wie gut dies gelingt und wie viel Einsatz und Kreativität die Lehrkräfte an den Tag legen, um diese schwierige Zeit zu überbrücken. Per Google Meet werden Klassen gehalten, Aufgaben werden geschickt oder Erklärungsvideos geteilt.

Um Panik zu vermeiden, bereitete man uns langsam auf den großen Lockdown vor. In einem ersten Schritt verkündete Premierminister Modi in einer Fernsehansprache letzten Donnerstag eine freiwillige Ausgangssperre für Sonntag, den 22. März. Er bezeichnete die ganze Aktion als Übung für die indische Nation. Es gäbe keinen Grund für Hamsterkäufe und Panik, für die Grundversorgung sei gesorgt. Auch bat er die Leute, um 17 Uhr für 5 Minuten zu klatschen, trommeln oder mit einer Glocke zu bimmeln. Damit solle man seine Wertschätzung und seinen Dank für diejenigen ausdrücken, die tagtäglich dem Land dienen. Ärzte, Pflegepersonal, Polizisten, Reinigungskräfte … In unserem Quartier verlief die sonntägliche Ausgangssperre ruhig, so ruhig, dass es schon fast unheimlich war. Um 17 Uhr standen wir natürlich alle auf der Terrasse und trommelten mit Küchenkellen rhythmisch auf unsere Metallteller und viele in der Nachbarschaft taten es uns gleich. Dass diese Danksagung mancherorts als Anlass zum gemeinsamen Tanzen und Party machen (natürlich ohne social distancing) verstanden wurde, war sich Modi wohl kaum bewusst. Auch das Ende der sonntäglichen Sperre wurde teilweise mit Knallkörper gefeiert, als ob Indien den World Cup im Cricket gewonnen hätte.

Die Geschwindigkeit mit der die weiteren Maßnahmen folgten, haben viele unterschätzt.

  • 22. 3.:alle internationalen Flüge eingestellt
  • 23. 3.: 80 Städte, viele Bezirke und teilweise sogar ganze Bundesstaaten sind im Lockdown und haben ihre Grenzen geschlossen. Darunter auch Tamil Nadu. Öffentliche Verkehrsmittel fahren in den betroffenen Bundesstaaten kaum noch.
  • Am Abend des 24. 3. erfolgte die zweite Ansprache von Premierminister Modi. Alle Inlandsflüge werden eingestellt und er ruft einen landesweiten Lockdown für 21 Tage aus. Das Gesetz „National Disaster Management Act“ tritt in Kraft, d. h. nun übernimmt die Zentralregierung das Zepter und alle Bundesstaaten müssen den Anweisungen und Maßnahmen Folge leisten.

Bereits am folgenden Tag kommt es zu Hamsterkäufen bei Lebensmitteln und Medikamenten. Ich bin froh, dass ich mich voraussehend bereits vorher etwas eingedeckt habe.

Heute ist der 2. Tag des landesweiten Lockdowns. Im Planen scheint die indische Regierung ihre Sache gut zu machen, aber wenn es zur praktischen Umsetzung kommt, hapert es an vielen Orten.

Die Bilder, die in den News gezeigt werden, erschüttern. Die Shelter, die für arme Tagelöhner eingerichtet wurden, sind absolut überfüllt und reichen bei Weitem nicht aus. Ein Porträt einer armen Familie, die sich mit Baby und Kleinkindern von Delhi zu Fuß auf den Weg in ihr Dorf machen, erschüttert mich. Keine Arbeit, kein Essen, kein Geld – die Armen trifft es wie immer am schlimmsten.

Modi ruft dazu auf: „Show Karuna (Mitgefühl) to defeat Corona – Help poor people during the 21 days!“ Doch wie soll dies gelingen, wenn man doch zu Hause bleiben soll?

Im Punjab kam es zu Angriffen gegen die Polizei. Die Leute sind bereits jetzt unzufrieden. Vielerorts klappt es nicht mit der Versorgung des täglichen Bedarfs. Die Bauern können ihr Gemüse nicht liefern und die Waren verderben. Dass dies zu Unmut und Wut führt, ist nachzuvollziehen. Nun will Punjab auch online Lieferungen zulassen.

Die Maßnahmen sollen strikt umgesetzt werden. So zögern auch die Polizisten nicht, ihre Schlagstöcke einzusetzen. Erwachsene Männer, werden wie Schulkinder zu früheren Zeiten gemaßregelt. Schläge, Kniebeugen, am Boden rollen, … erniedrigende Maßnahmen, die mich immer wieder aufs Neue schockieren.

Auch viele Touristen wurden vom schnellen Lockdown überrascht und sitzen jetzt fest. Plötzlich ist man als weisser Tourist nicht mehr beliebt. Die Leute haben Angst und rufen teilweise „Corona, Corona!“, wenn sie Weiße erblicken. Schließlich waren es doch die bösen Ausländer, die das ganze Übel nach Indien gebracht haben. Auch ich spüre plötzlich zurückhaltende, ängstliche Blicke. Viele Touristen werden von Hotels nicht mehr aufgenommen, können die Bundesstaatsgrenzen nicht mehr passieren und sind unsäglich schwierigen Situationen ausgesetzt. Die Botschaften stehen vor einer Herkulesaufgabe ihre Leute aus Indien zu evakuieren.

Nur der Bundesstaat Kerala prescht wieder einmal positiv aus der Masse heraus. 20.000 Crore werden für finanzielle Hilfen ausgesprochen und alle bekommen für einen Monat gratis Reis.

Nun will Indien auch versuchen, dem Modell von Südkorea zu folgen. Man will die Rapid Covid-19-Tests zulassen, die schnellere Resultate liefern und preisgünstiger sind.

Heute Morgen hatten wir 606 registrierte Fälle und 10 Todesfälle.

Da die Regierung mit den Tests bisher eher zurückhaltend war, wird eine recht große Dunkelziffer befürchtet, v. a. da es jetzt auch zu Fällen kam, die mit keiner „Travel History“ in Verbindung gebracht werden konnten.

Es ist leider zu befürchten, dass Indien nicht nur eine Pandemie zu bekämpfen hat, sondern auch auf eine große humanitäre Krise zugeht.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

13 Kommentare

  1. Liebe Irene,

    ich liebe Indien nach wie vor. Bezeichne ich es doch als mein „Seelenland“, weil ich in Indien, so wie sonst nirgends auf der Welt den Geist der Jahrtausende atmete. Indien ist somit ein Teil des Atems meiner Seele.
    Und doch, trotz allem – sogar trotz meiner immerwährenden Verehrung für die „Große Seele Mahatma Gandhi“ – weiß ich auch um die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten. Ich beziehe mich jetzt aktuell auf die „erniedrigenden Maßnahmen der Polizisten“ von denen du erzählst. Ich bin nicht naiv und unkritisch. Auch Gandhiji hat die Grausamkeiten erlebt und konnte sie immer wieder mit seinem Fasten beenden. Leider gibt es heute keine „Große Seele“ mehr. Grausamkeiten und Ungerechtigkeit gibt es in allen Ländern der Erde. Und viele der „großen Führer“, die sich als groß meinen und doch so klein sind, beenden sie nicht, sondern fördern sie noch.
    Und immer trifft es die Ärmsten der Armen, so wie du auch schreibst. Nur, dass es in Indien sehr, sehr viele arme Menschen gibt, denen sicher nicht geholfen werden kann. Und das ist wirklich schlimm.

    Liebe Irene, meine guten Wünsche für dich und deine Familie – und für alle Menschen in Indien, mögen dich begleiten und behüten!

    Mit tiefer Zuneigung unterschreibe ich heute mit meinem Sanskritnamen
    Ma Prem Chandana

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  2. Liebe Irène, danke für den Bericht. Als Freund des Landes bin ich an den aktuellen Entwicklungen sehr interessiert. Kollegen aus Bengaluru und Mumbai erzählen mir einiges, aber Informationen aus erster Hand in Deutsch sind wunderbar.

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