Lockdown in India – Tag 10

Heute ist bereits der 10. Tag des großen Lockdowns. Obwohl uns zu Hause manchmal die Decke auf den Kopf drückt, geht es uns allen gut.

Unser Sohn ist mit der Online-Schule beschäftigt und schreibt nächste Woche mit einem Vertrauensvertrag seine Schuljahresprüfungen. Ich bin schon seit fast drei Wochen nicht mehr draußen gewesen. Mein Mann ist der Einzige, der ab und zu einkaufen geht, um uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Seit Tagen versuche ich erfolglos, ein Zeitfenster für eine Online-Bestellung bei Big Basket zu ergattern. Abends bringe ich kurz den Müll zum Container und drehe mit den Hunden eine kleine Runde. So still und leer habe ich unser Quartier noch nie erlebt.Einerseits ist die Stille wohltuend und entspannend, andererseits fühlt es sich doch sehr fremd an, wenn ich ohne jemanden zu treffen eine Runde drehen kann.

Während meine Freundinnen über WhatsApp jammern, weil sie plötzlich selber putzen und kochen müssen, hat sich für mich nicht viel verändert. Manchmal hat es auch Vorteile, wenn man ohne „Staff“ auskommt. Nur die Bügelwäsche durfte ich nach vielen bügelfreien Jahren wieder mal selbst von den Falten befreien. Wenn die Sonne untergeht, drehe ich auf unserer Dachterrasse eine halbe Stunde meine Runden. Das finde ich immer sehr amüsant, da auf allen Dächern rundum viele Gleichgesinnte zu sehen sind.

Die News besorgen mich zunehmend. Manchmal halte ich die Bilder, die auf den indischen News-Kanälen rund um die Uhr gesendet werden, kaum aus und muss etwas Abstand nehmen. In den letzten Tagen hat sich die Zahl der registrierten Fälle verdoppelt. Heute Morgen wurden 2069 aktive Fälle und 53 Tote gemeldet.

Auch in das größte Slum Indiens (Dharavi, Mumbai) hat das Virus bereits seinen Weg gefunden. Die Pandemie dort einzudämmen, stellt die Behörden vor das schier Unmögliche. Durchschnittlich leben in Dharavi 5 Personen in einem Raum und 70 Prozent sind auf öffentliche Toiletten angewiesen. Wie soll man da „Social Distancing“ praktizieren? Immer mehr wird mir bewusst, dass die Einhaltung des Lockdowns unter menschenwürdigen Bedingungen ein reiner Luxus ist.

Unter die Haut gehen mir auch die Bilder der Wanderarbeiter, die zu Tausenden versucht haben, ihre Heimatdörfer zu Fuß zu erreichen. Grade heute kam die Nachricht eines jungen Mannes aus Tamil Nadu, der nach 500 Kilometer Fußmarsch kollabierte und verstarb. Viele wurden aufgehalten, wie Ungeziefer mit Desinfektionsmittel besprüht und in Camps zur Quarantäne festgesetzt. Die Regierung versucht das Möglichste, um zu unterstützen und zu helfen, aber auch da sind die Ressourcen knapp, und es mangelt es an Vielem.

Erschüttert haben mich auch die Bilder und Videos von Angriffen auf Ärzte und Gesundheitsmitarbeiter. In einem Quartier in Indore wurde medizinisches Personal angegriffen und mit Steinen beworfen. „Ärzte sind wie Gott“, hat der Premierminister Modi gesagt, aber die Realität sieht anders aus. Bereits sind 50 Ärzte selbst am Virus erkrankt. Es fehlt am nötigen Equipment. Ärzte werden jetzt vermehrt durch die Polizei begleitet.

Durch diese Vorfälle wurden jetzt auch deftige Gefängnisstrafen ausgesprochen. Wer gegen den Lockout verstößt, kann bis zu einem Jahr Gefängnis bekommen. Werden Menschen gefährdet sogar bis zu zwei Jahren. Ob diese Abschreckung zum Erfolg führt?

Heute um 9 Uhr wurde ein Video von Premierminister Modi ausgestrahlt. Er dankt allen für das Respektieren und Einhalten des Lockdowns. Die Leute hätten Disziplin gezeigt und Indien würde geeint gegen das Coronavirus kämpfen. „India has set an example for others to follow“ und „You are not allone!“, hört man immer wieder. Das Einschwören auf das vereinte Indien gegen das böse Coronavirus hat für mich einen schalen Nachgeschmack.

Modi setzt auf die heilige Zahl 9, die im Hinduismus sehr bedeutsam ist. Er fordert die Menschen dazu auf am Sonntag, 5.4. (auch die Quersumme 9) um 9 Uhr abends Öllichter und Kerzen rauszustellen und das elektrische Licht für neun Minuten zu löschen.

United India!

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

9 Kommentare

  1. Hallo, liebe Irene, so wie dir geht es sicher vielen Menschen. Hier in Hurghada, einem Touristenort am Roten Meer, ist es bedrückend still geworden. Es wird nur noch das Allernötigste eingekauft, die Strassen sind wie leergefegt; hier und da sieht man vereinzelt Menschen, die etwas zu erledigen haben und auch die Zahl der Autos hat sich seit dem Lockdown, der vor kurzem eingeführt wurde, merklich verringert. Auch hier wird ein steiler Anstieg von Covid19 Infektionen erwartet, besonders in den Armenvierteln, wovon es auch in Hurghada reichlich gibt. Die medizinische Versorgung von Schwerstkranken wird ein großes Problem darstellen, denn es gibt weder genügend Intensivstationen mit entsprechenen Ausstattungen noch genügend qualifiziertes medizinisches Personal. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute … vor allem … GESUNDHEIT.

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  2. Hi Irène,
    ich hab auch so ein persönliches anti-corona-programm, wir machen jeden Tag einen großen Spaziergang am Fluss und gestern auch mal kurz IM Fluss 😁

    Was mir so ein blödes Gefühl macht bei der ganzen Angelegenheit ist, dass hier bei uns plötzlich so viele nach Einschränkung und Überwachung schreien. Ich sehe die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen absolut ein aber ich kann in manchen FB oder WhatsApp Gruppen kaum mitlesen geschweige denn schreiben/mich äußern, wenn da Leute drastische Maßnahmen fordern oder Strafen für Verstöße…

    LG an euch,

    bleibt gesund 🙏

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    1. Ach, ich bin da auch hin- und hergerissen. Indien hat ja sehr restriktive Maßnahmen getroffen. Ich bin froh, dass ich da nichts zu entscheiden habe. Wenigstens könnt ihr noch raus in die Natur! Liebe Grüße Irène

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  3. Hallo Irene, ich verfolge sehr gern deinen Block und das Leben in Indien. Gerade weil in meiner Heimat hier auch eine befreundete junge indische Familie leben. Die O&O weisst daraufhin Zuhause zu bleiben. In Deutschland ist das nicht immer möglich, gerade wenn man in systemrelevanten Berufen unterwegs. Wir haben ein gutes Gesundheitsversorgungsnetz und die letzen Wochen aktiv genutzt Intensivkapazitäten weiter auszubauen. Bisher zeigen sich die Massnahmen des Kontaktverbotes bzw. Einschränkungen sowie die hygienischen Massnahmen sehr gute Ergebnisse. Auch wenn wir längst noch am Anfang sind so hoffen wir, dass wir es so überstehen. Wir hoffen, dass wenn die Massnahmen gelockert werden, die meisten Infektionsherde ausgeheilt sind und wir andere Länder in der medizinischen Versorgung weiter unterstützen können, wie wir es aktuell bereits tun (infizierten Ärzte aus Italien werden in Deutschland versorgt). Die Straßen sind ruhig geworden. Auf der anderen Seite ist es eine Zeit für die Familie und Besinnung und das Zusammensein was ich als sehr schön empfinde. Ich vermisse meine Freunde und die Zeit die wir gemeinsam physisch verbringen. Wir treffen uns mittlerweile regelmäßig digital um uns zu sehen. Irene, ich freue mich auf weitere Berichte aus Chennai und wünsche dir und einer Familie sowie uns allen das Beste, dass wir Gesundheit bleiben bzw. wenn Corona uns eingenommen hat, dann gut überstehen. Demnächst koche ich ein indisches Gericht von dir. Darauf freue ich mich. Viele Grüße

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    1. Liebe Sandy, danke für deine Zeilen. Ja, das CV macht es überall schwierig einen normalen Arbeitsalltag aufrechtzuerhalten. Ich hoffe sehr, dass die Maßnahmen greifen und die Pandemie so einigermaßen kontrolliert werden kann. Auch dir und deinen Lieben wünsche ich gute Gesundheit und Geduld dies durchzustehen. LG aus Chennai Irène

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  4. Hi Irène, Namaste! Danke für den Bericht. Einiges kriege ich ja mit über Kollegen in Bengaluru, aber deine Eindrücke in Deutsch sind natürlich sehr willkommen. Bei den genannten offizielle Fallzahlen habe ich so meine Zweifel. Wenn ich mir aber vorstelle, dass Covid-19 in Dharavi Einzug hält, wird mir ganz anders…..

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    1. Die Dunkelziffer wird sicherlich nun stetig zunehmen. Indien ist auch nicht so gut bestückt mit Tests. Wie soll man so eine riesige Bevölkerung auch testen? Hoffen wir das Beste! Liebe Grüße nach Berlin Irène

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