Vom Glück des Habens

Heute kommt mein Liebster genervt vom Einkaufen zurück. „Diese Deppen!“, empört er sich über seine eigenen Landsleute. „Jetzt hat es überall Kreise am Boden und sie bringen es nicht fertig, sich da reinzustellen.“

Indien versucht mit allerhand Kampagnen und Aufklärungsarbeit über das Coronavirus zu informieren. Doch wie soll in einem Land wie Indien „Social Distancing“ funktionieren? Allein in Chennai leben 10 Millionen Menschen. Unser Teenager hängt sich sofort rein. „Als ich neulich mit den Hunden die Runde machte, habe ich genau das Gleiche gesehen. Vorne in der Ecke sitzen sie ohne Mundschutz in Gruppen draußen. Von „Social Distancing“ keine Spur! Warum bleiben diese Deppen nicht einfach zu Hause?“

Obwohl mich die Inderinnen und Inder mit ihrer Ellbogen- und Wettbewerbskultur oft auch ärgern, muss ich die Menschen nun in Schutz nehmen. Die Corona-Maßnahmen treffen viele sehr hart. Die Wohnsituationen sind meistens sehr eng und ungemütlich. Je mehr Zeit verstreicht, desto größer werden auch für den Mittelstand die finanziellen Nöte. Dazu haben wir jetzt Hochsommer, und es ist sehr heiß geworden. Die Temperaturen liegen momentan bei 35 Grad und drüber. Der Strom für Klimaanlagen und Ventilatoren kostet Geld. Geld, das viele nicht haben. „Sie können doch einfach zu Hause ein Buch lesen“, meint unser Sohn. „Erst muss man überhaupt Bücher haben“, gebe ich ihm zur Antwort.

Wie bewusst wird mir in diesem Land immer wieder, wie privilegiert wir sind. All die Dinge, mit denen ich in der Schweiz so selbstverständlich aufgewachsen bin, sind für viele Menschen hier ein Wunschtraum. Der Lockdown ist für alle ein leidiges Thema. Sich einzuschränken fällt uns allen schwer, aber wie viel einfacher ist es mit Büchern, Internet, Brettspielen, Kunstmaterial, Musik, Netflix, Audiobüchern, Staubsauger, …

Brettspiele wurden wieder hervorgeholt. Brändi-Dog ist definitiv unser Favorit und wird täglich gespielt.

All dies steht uns auch hier zur Verfügung. Dazu leben wir in einem schönen, gemütlichen Haus mit genügend Wohnraum, sodass sich jeder auch mal zurückziehen kann. Das selbstverständlich Normale wird hier zum absoluten Luxus. Wir können die Klimaanlage anstellen, uns mehr oder weniger sinnvoll beschäftigen und haben unbeschränkt Zugang zu Highspeed-Internet. Okay, so schnell ist es oft dann wieder nicht. Prabhu hat grade erst ein Upgrade bei unserem Internetanbieter gemacht, da unser Verbrauch in der Corona-Zeit gestiegen ist.

In letzter Zeit bekommt mein Mann oft Anrufe von Menschen, die in Not sind. Auch Bekannte, die normalerweise gut verdienen, haben nun finanzielle Engpässe. Unseren Möglichkeiten entsprechend, unterstützen wir, so gut es geht. Obwohl Prabhus Baustelle seit fast 2 Monaten stillsteht, bezahlt er seine Arbeiter weiterhin. Als Selbstständigerwerbende beschert das Coronavirus auch uns finanzielle Einbußen, zwingt uns zum Stillstand. Doch sind wir gottlob in der glücklichen Lage diese Situation finanziell zu stemmen und zu überbrücken.

Wenn ich das Gefühl habe, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, brauche ich nur im Fernseher die News zu schauen. Abertausende Wanderarbeiter und Mittellose, die vor dem Nichts stehen und ohne Geld, Essen und Unterkunft ums tägliche Überleben kämpfen.

Wie kann ich da noch jammern und mich über diese unsägliche Situation beklagen?

 

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

6 Kommentare

  1. Gerade vorhin hat mir eine Freundin in einer SMS ein Zitat von Schopenhauer gesandt: „Erst der Verlust belehrt uns über den Wert der Dinge“ …

    In diesem Sinne liebe Grüße an dich und deine Familie
    Chandana

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  2. Danke für die Eindrücke aus Chennai, Irène. Ich kenne Indien nur laut, voll und eng. Auch das geordnete Schlangestehen wurde ja nun auch nicht gerade in Indien erfunden 😉
    Kaum vorstellbar, wie sich das „einfache“ Volk (blöder Begriff sorry…) das aus dem Weg gehen soll. Wie du schon schreibst. Große Familie, mehrere Generationen auf kleiner Wohnfläche. Ein Kollege aus Bengaluru erzählt mir, sie müssen jeden außerordentlichen Weg bei der lokalen Polizei beantragen.

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  3. „… wie privilegiert wir sind… “ Zu dieser Erkenntnis bin ich bereits ohne die Covid19 Pandemie gekommen, als ich bei meinem letzten Aufenthalt in Indien die Chance hatte, in das Leben abseits vom Tourismus einzutauchen und mitzuerleben, wie hart viele für das tägliche Essen arbeiten müssen. Und dennoch habe ich kein Jammern und Klagen vernommen, wie es ja vielfach in Europa zu beobachten ist. Mit Dankbarkeit und Demut bin ich von Indien zurückgekehrt und weiss meinen „Wohlstand“ noch mehr zu schätzen. Ich hoffe sehr, dass diese Katastrophe ein baldiges Ende haben wird , denn für die Ärmsten der Armen gibt es kein soziales Auffangnetz, keine staatliche Unterstützung, die das Schlimmste abpuffert. Ganz herzliche Grüße aus Ägypten

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