„Entweder du liebst oder du hasst Indien!“ Stimmt das?

Diese Aussage hört und liest man von Indienreisenden immer wieder. Indien ist ein Land der Gegensätze, ein Land der Extreme. Wenn es am Straßenrand nach Pisse und Abfall stinkt, riecht es zwei Minuten später verführerisch nach leckeren Samosa oder ein wunderbarer Jasminduft liegt in der Luft.

Die Bettler, die an den Ampeln in schmutzigen Lumpen und mit traurigen Augen an die Autoscheibe klopfen, gehören ebenso dazu wie die vielen Reichen, die sich in Juweliergeschäften mit Goldschmuck eindecken oder sich in Fünfsterne-Hotels vom Buffet Berge auf die Teller schaufeln.

Indien kann durch neuzeitliche Technologien überraschen und gleichzeitig fühlt man sich ins Mittelalter zurückversetzt.

Ob man Liebe oder Hass für dieses Land entwickelt, hängt wohl davon ab, was für Erfahrungen und Begegnungen man in Indien macht. Wer beklaut, sexuell belästigt, betrogen oder vielleicht in einen Unfall verwickelt wurde, dem wird es schwerer fallen, Indien etwas Gutes abzugewinnen. Je länger man in Indien unterwegs ist, desto mehr wird man die Licht- und Schattenseiten und die vielen Grauschattierungen entdecken. Für mich ist Indien wie ein riesiger Flickenteppich, indem alles zu finden ist.

Wer nur Liebe für dieses Land empfindet, der reist mit einem engen Röhrenblick herum. Obwohl mir mein neues Heimatland ans Herz gewachsen ist, gibt es tatsächlich viele Dinge, die ich überhaupt nicht mag, die ich in gewisser Weise wirklich hasse. Die Korruption, die vielen Umweltsünden, die Armut, das Patriarchat, das viele Frauen noch heute unterdrückt … ich könnte lange weiterfahren, denn Indien hat viele Baustellen, denen man sich annehmen sollte. Viele Schattenseiten wird der Indienreisende gar nicht bemerken.

Ich habe festgestellt, dass oft spirituell interessierte Touristinnen und Touristen die Tendenz haben, alles mit einer rosa Brille zu sehen. „Die Menschen in Indien sind so nett und herzlich!“ – „Wenn du positiv-denkend unterwegs bist, dann passiert dir nichts und du ziehst ausschließlich Gutes an!“ Auch Ratschläge wie „Geh einfach mit offenem Herzen und lies und informier dich nicht zu sehr. Die Nachrichten über Massenvergewaltigungen sind nur Sensationshascherei und spiegeln die Realität nicht ab. Ich war schon in Indien und mir ist nichts passiert!“

Ehrlich gesagt, bekomme ich bei solchen Aussagen Gänsehaut! Ja, die Menschen sind in der Regel westlichen Touristen gegenüber wohlgesinnt, gastfreundlich und hilfsbereit, aber es gibt eben wie überall auf der Welt auch andere. Eine positive Lebenseinstellung zu haben, ist immer hilfreich, aber in Indien sollte man wenigstens ein Mindestmaß an gesundem Menschenverstand und Realitätsbewusstsein mitbringen. Keine Frage, dass Angst ein schlechter Reisebegleiter ist, aber sich über die Begebenheiten und die kulturellen Unterschiede zu informieren, ist meiner Meinung nach ein Muss und trägt dazu bei, dass man sicher unterwegs ist und vorwiegend gute Reiseerfahrungen machen kann.

Natürlich hängt Hass oder Liebe zum Land auch davon ab, wie man gedenkt zu reisen. Wie heißt es so schön? „Jedem Tierchen sein Pläsierchen!“ Wer einen Putzfimmel hat und bei jeder Kakerlake, die den Abfluss hoch krabbelt, fast einen Herzinfarkt kriegt, der sollte mit Sicherheit nicht mit einem kleinen Budget als Backpacker reisen. Doch Indien hat für alle Reisende etwas zu bieten. Was der hart gesottene Backpacker wahrscheinlich abschätzend mit „India light“ abtun würde, entspricht vielen Touristen, die über etwas mehr Reisebudget verfügen. Der Tourismus im Mittel- und Hochpreis-Leistungssegment nimmt immer mehr zu, und im Vergleich zu Europa oder anderen Destinationen ist der Luxus bezahlbar.

Klar ist, dass der Backpacker und der Tourist mit dem größeren Geldbeutel Indien in einigen Bereichen unterschiedlich erleben werden, obwohl die Reiserouten vielleicht ähnlich oder sogar identisch sind.

Der Werbeslogan Indiens trifft jedoch für jeden Reisenden zu: Icredible India – unglaubliches Indien!

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

13 Kommentare

  1. Liebe Irène, ich freue mich immer über deine Blogs! Ich lese das Sonderbeitrag! Ich fühle mich Indien sehr verbunden und bin auch mal froh, von den Schattenseiten zu lesen… Danke dafür
    Liebe Grüße und alles Gute für dich und deine Familie in diesen Zeiten!
    Heike

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  2. Danke Iréne für den Beitrag. Lieben und Hassen sind zwei extreme Gegensätze. Da könnte ich mich selbst hier in der Heimat nicht klar positionieren. Ich war mehrere Male in Indien, kommt man dort Nachts an und erreicht irgendwann die Unterkunft, könnte man sich fragen „Oh, wo bin ich hier gelandet, was mache ich hier eigentlich.“ Wenn dann aber die Sonne aufgeht und draußen der Tag beginnt, finde ich es sehr anziehend. Vieles ist aber nicht „schön“, so wie Europäer es verstehen. Es gibt unangenehme Bilder, verstörende Armut. Trotzdem mag ich Indien und ich würde gern wieder mal hin. Das Tourismus-Ministerium hat mit dem Wort „Incredible India“ einen guten Slogan gefunden. Das Wort hat viele Bedeutungen … genauso wie Indien Eindrücke bietet. Grüße nach Chennai

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    1. Danke für deine Zeilen. „Oh, wo bin ich hier gelandet, was mache ich hier eigentlich?“ – das frage ich mich manchmal auch nach über 11 Jahren noch. Wenn beispielsweise wieder einmal im dümmsten Moment der Strom ausfällt oder die Internetverbindung wieder nicht funktioniert oder wenn es schon wieder keine Trockenhefe im Supermarkt hat…
      Liebe Grüße nach Berlin Irène

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  3. Oh ja, Indien ist wirklich Icredible! Ich war bisher 2x in Indien und kein anderes Land hat mich gleichermassen fasziniert und gleichzeitig gefordert. Reisen in Indien ist anstrengend und zugleich faszinierend, eine völlig andere Welt. Ich liebe Indien, kann mir jedoch nicht vorstellen da zu leben. Genau aus diesem Grund lese ich deinen Blog so gerne, danke für die Einblicke in deine Welt.

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  4. Danke für diesen tollen Artikel! Ich hab auch so meine Schwierigkeiten mit Indien und auch einige schlechte Erfahrungen gemacht. Ich hab mich aber immer gefragt, warum diese schlechten Erfahrungen in Indien passierten, aber nicht in Nepal oder Pakistan, wo ich im gleichen Jahr unterwegs war. Die „spirituell interessierten Touristinnen“ sind mir mit ihrer rosaroten Brille schon sehr auf die Nerven gegangen. Ich hasse Indien nicht, aber mich zieht es nicht mehr dorthin. Aber Deinen Blog lese ich sehr gerne!
    LG
    Ulrike

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    1. Vielen Dank für deine Zeilen. Indien ist mit Sicherheit kein einfaches Reiseland. Ich habe auf deinem Blog schon gelesen, dass du leider schlechte Erfahrungen gemacht hast. Ich lese auch bei dir gerne mit! Sei herzlich gegrüßt Irène

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