Nach dem Regen folgt Sonnenschein – Neues aus meinem Leben in Indien

Es stinkt nach Scheiße. Vor einigen Tagen hinter unserem Haus und jetzt vor dem Haus, so bleibt unsere Haustür, die sonst eigentlich immer offen steht, diese Tage geschlossen. Die Kanalisation scheint durch den vielen Regen an ihre Grenzen zu kommen.

Der Zyklon Nivar ist Ende November gnädig an uns vorbeigezogen. Netterweise schwächte er sich ab, bevor er die Küste erreichte, aber viel Regen hat er uns beschert. Unsere Straße verwandelte sich innerhalb von Stunden in einen Fluss.

Unsere Straße
Straße bei uns in der Nähe

Bei der großen Chennai-Flut von 2015 hatten wir zum letzten Mal mal Wasser im Erdgeschoss. Nivar hat es auch geschafft. Mit einfachen Mitteln versuchten wir das Wasser aufzuhalten, aber schließlich drang es doch ein.

Gottlob nicht so schlimm wie im Jahr 2015. Nach 28 Stunden Stromausfall kehrten wir wieder schnell zur Normalität zurück. Die Schäden, die Nivar verursachte, hielten sich in Grenzen und wurden von der Regierung auch entschädigt.

Anfang Dezember fegte Burevi, der kleine Bruder von Nivar südlich an uns vorbei. Dieses Mal waren wir mit Sandsäcken etwas besser gerüstet.

Auch er brachte viel Regen und verursachte vor allem in der Landwirtschaft viele Schäden. Der berühmte Shiva-Tempel in Chidambaram stand hüfthoch unter Wasser.

Heute haben wir blauen Himmel und Sonnenschein bei 28 Grad. Die Straßen sind wieder trocken. Ich mag den Winter in Chennai. Dezember, Januar und auch noch der Februar sind mir klimatisch die liebsten Monate. Endlich gibt es Tage mit Temperaturen unter 30 Grad!

Die Coronazahlen in Tamil Nadu sind stark zurückgegangen. In Chennai haben wir nun eine Positivitätsrate von rund 3 Prozent. Geht man nach draußen, zeigt sich dies auch im Verhalten der Menschen. Die Corona-Maßnahmen werden nicht mehr wirklich ernst genommen. Die Schulen sind aber immer noch geschlossen. Suriyan hat letzte Woche erfolgreich seine Semesterprüfungen abgeschlossen und ist nach drei Tagen Pause bereits ins neue Semester gestartet. Nach den Weihnachtsferien am 6. Januar wird die Schule voraussichtlich Schritt für Schritt wieder öffnen. Wer hätte Mitte März gedacht, dass dieses aus dem Boden gestampfte Online-Learning fast 10 Monate dauern würde!

Bei uns ist es weihnächtlich geworden. Wie jedes Jahr habe ich den Weihnachtsbaum bereits zum ersten Adventssonntag hervorgeholt und gemeinsam mit unserem Sohn geschmückt. Auch Weihnachtsgüetzi habe ich gebacken. Doch die Mailänderli, Zitronentannen und Spitzbuben sind so schnell verschwunden, wie ich sie gebacken habe. Eine zweite Backrunde steht an, aber das macht nichts. Ich habe Zeit – jede Menge Zeit.

In New Delhi protestieren die Bauern nun bereits über zwei Wochen gegen die neuen Agrargesetze. Auch sie haben Zeit und sind gut organisiert. Friedlich blockieren sie Straßen und suchen immer wieder Gespräche mit der Regierung. Beide Seiten beharren auf ihren Standpunkten und eine Lösung scheint in weiter Ferne. Der Wechsel von einer sehr regulierten staatlichen Landwirtschaft zu einer modernen wirtschaftlichen macht den Bauern Angst. Unterstützung finden sie teilweise bei Prominenten und Musikern. Auch im Ausland werden die neuen Gesetze kritisch begutachtet. Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat sich dazu auch schon geäußert. Diese Einmischung ist jedoch bei der indischen Regierung gar nicht gut angekommen und wurde als innenpolitische Einmischung verstanden. Ich kann den Unmut der Bauern verstehen. Früher garantierten festgelegte Mindestpreise auf den wichtigsten Agrarprodukten ein gewisses Einkommen. Diese sollen nun wegfallen. Auch die großen Ankaufsmärkte, die Mandis, wurden aufgelöst. Jetzt ist ein Direktverkauf ohne die vielen Zwischenhändler möglich. Dies tönt auf den ersten Blick gut, aber wie soll ein Kleinbauer, der kleine Mengen produziert, dies bewerkstelligen? Wie soll er den Transport der Ware organisieren? Wie soll er bei geringen Mengen einen Ankäufer finden und einen vernünftigen Verkaufspreis aushandeln? Die vielen Kleinbaueren werden es schwer haben. Das alte System war mit Sicherheit auch nicht das gelbe vom Ei, aber jetzt? Ich hoffe, dass sich ein Kompromiss finden lässt.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

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