Wie ich herausfand, dass ich nicht zur Touristenführerin tauge

Im Nachhinein kann ich laut darüber lachen, aber damals … Nein, ich fand es nicht lustig!

Eigentlich habe ich mich riesig gefreut, dass endlich jemand an meinem neuen Heimatland Interesse zeigt und gerne eine Reise dorthin machen wollte. Ja, wir haben uns als Familie sogar dazu bereit erklärt, eine dreiwöchige Reise zu planen, zu organisieren und zu begleiten. Zwei Wochen mit der ganzen Familie und eine Woche übernahm ich alleine. Es war ein Freundschaftsdienst, und wir verdienten daran keine Rupie. Wir bezahlten unsere Übernachtungen, Eintrittsgebühren und auch unser Essen selbst.

Zwei Damen, beide über 60, zufriedenzustellen, erschien uns nicht als große Herausforderung.

Einfach gemütlich reisen, so wie wir es sonst auch tun. Das erste Mal in Indien kann doch ziemlich an die Nieren gehen“

So dachten wir ….

Am ersten Abend führte ich die beiden in ein Karaikudi Restaurant, um sie in die leckere südindische Chettinad-Küche einzuführen. Ein Fehler, denn X war gänzlich alles zu scharf. „Ich vertrage gar kein scharfes Essen!“, informierte sie mich, nachdem all das feine Essen bereits serviert wurde. Ich glaube, nur das Kulfi-Eis am Schluss konnte sie einigermaßen begeistern. Das richtige Essen für X zu finden, blieb drei Wochen lang herausfordernd, und natürlich war sie die Einzige, die einige Tage von Durchfall geplagt war, aber trotzdem kein Programm auslassen wollte.

Als die Reise in unserem Toyota Innova los ging, meinte X bereits nach 45 Minuten, dass sie auf die Toilette müsse. Dass es in Indien einfacher ist, einen Tempel zu finden als eine annehmbare Toilette, konnte X ja nicht ahnen. „Ich habe leider eine schwache Blase. Ich muss einfach dringend, und es ist mir egal, wie schrecklich dieses Klo ist“, erklärte sie. Und da hatte sie tatsächlich nicht gelogen. Während der ganzen Reise beklagte sie sich nie über die schlimmsten Klos Indiens. Und glaubt mir, sie hat viele gesehen! Einige der schrecklichsten Exemplare hat sie sogar mit ihrer Kamera abgeknipst, um diese Trophäen der Nachwelt zu erhalten.

Na ja, irgendwie hatte ich dann bald das Gefühl, in Suriyans Kleinkinderzeit zurückgeworfen zu werden. „X, hier könntest du jetzt noch auf ein gutes Klo gehen, bevor wir weiterfahren.“ „Nicht nötig“, gab sie meistens zu Antwort und nach kaum einer Stunde Fahrt hätten wir dringend eine Toilette herbeizaubern sollen.

Wir merkten auch bald, dass die beiden Damen eine andere Vorstellung vom Reisen hatten als wir. Ihnen konnte es nie genügend Programm geben. „Wir haben heute ja fast nichts gemacht“, meinten sie nach einer langen Autofahrt. „Was unternehmen wir noch?“ X hatte wohl die ganze Zeit nicht verstanden, dass wir kein professionelles Reiseunternehmen sind, sondern ihnen einen Freundschaftsdienst erwiesen.

X fotografierte. Sie fotografierte alles und gefühlte 1000 Bilder täglich, draufgängerisch und forsch. Dass dies bei vielen nicht so gut ankam, bekam sie bald zu spüren. Ich versuchte ihr klar zu machen, dass sie vorher fragen muss, dass manche es nicht mögen, wenn sie in ihrer Arbeitskleidung oder beim Beten fotografiert werden. Es war nicht einfach.

Hatte man einen Guide, der einem durch einen Tempel oder Palast führte, da war X immer irgendwo verschwunden und am Knipsen. Danach kam sie zur Gruppe zurück und fragte mich in einer Selbstverständlichkeit, was der Guide erzählt hätte. Innerlich begann ich jeden Tempel, der ein Fotoverbot hatte, zu lobpreisen.

Ja, X ging mir ziemlich auf die Nerven. Wie können professionelle Reiseleiter solche Leute managen? Mir geht da die Geduld abhanden. Was wir mit dieser Frau alles erleben durften!

Sie hatte auch teures Schuhwerk mit speziellen Einlagen. Da man beim Tempelbesuch die Schuhe ausziehen muss, hatte sie große Angst, dass diese jemand klauen könnte. „Zieh doch einfach ein paar billige Flip-Flops an, wenn wir in einen Tempel gehen“, versuchte ich zu helfen. Aber dies war keine Option für sie. Im berühmten Meenakshi-Tempel in Madurai wollte sie die Schuhe nicht am Stand abgeben und stopfte sie blitzschnell in ihre Tasche. Doch in diesem Tempel werden alle Taschen vorher untersucht, und man muss durch einen Metalldetektor gehen. Die Angestellte, die die Tasche untersuchte, traute wohl ihren Augen nicht, schimpfte lautstark und schickte sie umgehend zurück.

Doch das absolut Schlimmste erlebte ich mit den beiden Damen beim Shoppen. Das war wirklich zum Fremdschämen! Sie wollten sich unbedingt einen Churidar (Kurta mit Hose und Schal) kaufen. Mir war dies schon zu Beginn ein Gräuel, denn ich bin definitiv keine Shopping-Queen. Die beiden dagegen waren unermüdlich im Suchen des „richtigen“ Churidars. Ich versuchte mich als Assistentin, damit wir dies endlich hinter uns hätten und suchte nach Lieblingsfarben und richtigen Größen. Nun waren wir in diesem Geschäft ja nicht die einzigen Kundinnen und Kunden. Es hatte vier Umkleidekabinen, die heiß begehrt waren. Da das Warten X zu lange dauerte, hatte sie dann eine fantastische Idee. Mitten im Geschäft zog sie ihr T-Shirt aus und stand im Unterhemd da. Natürlich unter den wachenden und neugierigen Blicken der Wartenden, darunter auch viele Männer. „X, du kannst dich doch nicht so umziehen“, rief ich geschockt. Stolz schob sie ihre Brust etwas heraus und meinte: „Warum? Ich habe nichts zu verstecken!“

Ja, jetzt sind diese Episoden durchaus witzig! Und auch beim Schreiben konnte ich mir ein paar Lacher nicht verkneifen. Ich weiß ehrlich gesagt noch heute nicht, wie diese Reise für die mit uns befreundete Dame Z war. Ob sie sich auch über X genervt hat? Ob es ihr manchmal peinlich war, diese als Freundin mitgebracht zu haben? Mit X habe ich keinen Kontakt mehr. Ihre vielen Bilder, die sie auch von uns gemacht hat, habe ich niemals zu Gesicht bekommen. Obwohl sie mir eigentlich versprochen hatte, mir diese per WhatsApp zu schicken. Dafür wollte sie alle Bilder, die ich während der Reise gemacht habe.

Durch Z habe ich erfahren, dass sie nicht wieder nach Indien reisen wolle. Sie hätte in Indien zu viele böse Blicke bekommen.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

12 Kommentare

  1. Liebe Irene,

    was für eine Erfahrung. Und nein, ich hätte das alles an deiner Stelle auch nicht lustig gefunden. Schließlich war das ganze ein Freundschaftsdienst und ihr seid keine bezahlten Reiseführer. Gab es keine Möglichkeit, dies der Dame zwischendurch mehr oder weniger dezent klarzumachen? Ich glaube, an deiner Stelle hätte ich die Reise abgebrochen. Deine Geduld ist bewundernswert…

    Liebe Grüße
    Kasia

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    1. Das war eine Mission Impossible 😉! Als wir wieder in Chennai waren, habe ich mich zurückgezogen und sie mit dem Fahrer alleine losgeschickt. Den letzten Tag vor der Abreise hat dann mein Mann netterweise übernommen. Und dies war laut X der beste Tag der ganzen Ferien. 🤣

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    1. Kennst du auch eine Frau X 😉?
      Da gibt es nicht zu bewundern, ich war mit der Zeit auch nicht mehr geduldig, sondern echt genervt. Und das hat man sicherlich gespürt. Es war ja auch mein Fehler, so enthusiastisch ein dreiwöchiges Ferienprogramm anzubieten. Würde ich echt nicht mehr machen! Liebe Grüße 🌺💕Irène

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  2. Ich kann das gut nachvollziehen! Ich habe einige Male als Reiseleiterin gearbeitet. So krass habe ich es nie erlebt. Ich denke, vor einem professionellen Reiseleiter haben die Leute mehr Respekt als wenn sie einer Freundin gegenüberstehen. Aber auch ich habe den Moment erlebt, wo ich sagte „Den Beruf Reiseleiter2 wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht!“ Ich hab auch immer en gehabt, die mich in besuchten und von mir durch die Stadt geführt werden wollten.
    Danke für den herrlich erfrischend geschriebenen Artikel!
    Liebe Grüße
    Ulrike

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    1. Da hättest du sicherlich auch einige Geschichten zu erzählen! Also ich möchte diesen Job definitiv nicht machen.
      Liebe Grüße 🌺💕 Irène

      PS: Danke dir vielmals für die Erwähnung meines Blogs in deiner Blogroll. Ich habe dir in den Kommentaren eine Nachricht hinterlassen, aber irgendwie scheint es nicht geklappt zu haben.

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