Die pädagogischen Versuche eines Inders oder mein Mann, der indische Superhero

Mein Liebster kann es nicht sein lassen, seine Landsleute zu belehren und zu korrigieren. Manchmal bewundere ich ihn für seine scheinbaren Sisyphus-Bemühungen, manchmal bringen sie mich zum Schmunzeln, und manchmal nerven sie. Vor allem dann, wenn man eigentlich etwas anderes vorhätte.

Ich weiß ehrlich nicht, warum viele Inderinnen und Inder es nicht schaffen, sich einigermaßen mit Anstand zu benehmen. Natürlich gibt es solche Menschen weltweit, auch in meinem Heimatländchen. Aber dieses Ellbogen-Gehabe kann man in Indien schon sehr ausgeprägt beobachten. „Ich zuerst und danach alle andern“, scheint das Mantra zu lauten. Dies auf die unteren, ungebildeteren Schichten abzuwälzen, wäre ein Fehler. Was ich schon von gut situierten, scheinbar sehr gebildeten Damen und Herren mitbekommen habe!

So gibt es für meinen Mann täglich Knigge-Arbeit. Im indischen Straßenverkehr wird er immer wieder aktiv. Wenn jemand egoistisch und unüberlegt eine Straße blockiert oder so fährt, dass man nur sprachlos den Kopf schütteln kann, dann ist er von den Belehrungen meines Mannes nicht sicher. Die Einsicht und Fähigkeit, einen Fehler zuzugeben, liegt selten in der indischen Natur. Daher sind seine „Lectures“ , wie unser Sohn so schön sagt, oft zeitintensiv und nicht wirklich beruhigend fürs Nervenkostüm aller Beteiligten.

Auch im Supermarkt werden Verfehlungen umgehend von meinem Mann angesprochen. Sich nicht richtig anstellen, vordrängeln und rücksichtsloses Verhalten werden von meinem Liebsten geahndet. Neulich trafen wir ein besonders ungehobeltes Exemplar. Wir standen an der Kasse und der Kunde vor uns rastete dermaßen aus, dass die Kassiererin in Tränen ausbrach. Es ging darum, dass der gute Mann seine wenigen Einkäufe selbst in eine Tasche hätte packen sollen. Nett erwiderte die Kassiererin, dass sie, während Corona die Anweisungen hätten, die Taschen nicht zu packen. Das war für diesen Mann zu viel!

Um die Geschichte kurz zu machen: Mein Mann hat nun „Hero-Status“ bei der jungen Verkäuferin und all den anderen Angestellten. Ich habe einen indischen Superhelden geheiratet! Es fehlt nur noch das rote Cape und der eng anliegende, windschlüpfrige blaue Dress.

„You have to come only to my counter, Madam“, säuselte sie neulich zu mir, als ich unbedacht an einer anderen Kasse anstand. Seither hält sie mit uns immer ein freundliches Schwätzchen. Okay, sie spricht vor allem mit ihrem Superhero. Gemeinsam witzeln sie über böse Kunden und ich packe ein.

Während mein Mann immer mehr zum korrekten Schweizer wird, nehme ich dies meistens mit indischer Gelassenheit. Innerlich ein OM singen und weiter gehts. Ich echauffiere mich doch nicht über solche Kleinigkeiten.

Doch alles hat seine Grenzen! Vor allem, wenn ich dringend aufs Klo muss, mich brav in die Warteschlange stelle und einfach vorgedrängelt wird. Da kann ich notfalls zur indischen Göttin Kali mutieren. Und glaubt mir, die macht kein Federlesen, da fallen schnell Köpfe!

Manchmal muss man in Indien seine Ellbogen ausfahren, ansonsten wird man anstandslos übergangen. Zugegeben, weiße Frauen mit einem Superhelden an der Seite haben es ein bisschen einfacher 😉!

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

8 Kommentare

  1. Der deutsche Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann beschreibt Erziehung als „eine intentionale Tätigkeit, die sich darum bemüht, Fähigkeiten von Menschen zu entwickeln und in ihrer sozialen Anschlussfähigkeit zu fördern.“

    In einem nächsten Blogbeitrag fände ich es spannend zu erfahren, was denn die Intentionen deines Mannes sind, wenn er seine Mitmenschen erzieherisch auf den Pfad der Tugend, der Höflichkeit und des sozialverträglichen Verhaltens führt. Und welcher Methodik er er sich dabein bedient.

    Das Bemühen, die Mitmenschen zu sozialisieren, ist ein durchaus unterhaltsamer Vorgang. Allerdings finde nur ich das in meiner Familie.

    Wenn ich mich dazu hinreissen lasse, tun meine Frau und mein Sohn so, als hätten sie nichts mit mir zu tun. Als wäre ich ihnen schon von Bahnhof aus hinter gelaufen.

    Herzliche Grüsse aus der Schweiz
    Thomas

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    1. Lieber Thomas,
      In dir scheint auch so eine erzieherische Berufung zu schlummern! Oft bin ich wirklich stolz auf meinen Mann, wenn er auf seiner Anstandsverbreitungsmission ist.
      Wenn er dann aber beginnt dem Kellner zu erklären, wie man einen Tisch richtig putzt, dann verdrehen unser Sohn und ich die Augen über diesen uns fremden Mann 🤣!
      Die Intentionen meines Mannes? Ich denke, dass ihn seine Lebensjahre in der Schweiz zum Knigge-Verfechter in Indien gemacht haben. Die Erkenntnis, dass es auch anders geht und die Hoffnung, dass es auch in Indien so sein könnte. Irgendwann …
      Liebe Grüße in der schöne Schweiz 🇨🇭
      Irène

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  2. Liebe Irene,

    wenn du so schön beschreibst und ich die Geschehnisse vor meinem inneren Auge sehe, dann ist der Unterschied zu der deutschen Mentalität gar nicht so groß. Das Belehren, kleinere Ausraster an der Kasse… es ist schon erheiternd zu wissen, dass sich derlei auch woanders finden lässt 😉

    Eine ähnliche Erfahrung mit der indischen Ellbogen-Mentalität machte ich einmal am Toten Meer in Jordanien, als meine Reisebekannte und ich vor der einzigen verfügbaren Damen-Umkleidekabine anstanden. Wie aus dem nichts materialisierten sich zwei resolute Inderinnen direkt vor unserer Nase. Und während ich noch meine gute Erziehung befragte und mich im Stillen vor mich hin empörte, sagte meine Reisebekannte, die über jahrelange Indien-Erfahrung verfügte: „Keine Sorge, ich bin bereit.“ Sobald die Kabine frei war, machte sie sich lautstark bemerkbar, und während sich die Inderinnen noch irritiert umguckten, schlüpften wir an ihnen vorbei und rein… Joah, manchmal geht es nicht anders 😉

    Den Glauben deines Mannes an eine bessere Welt und den Willen, tatsächlich etwas zu verändern, finde ich übrigens sehr bewundernswert. Ich hoffe nur, dass ihm nicht allzu schnell die Luft ausgeht und er tatsächlich etwas bewegen kann…

    Liebe Grüße und alles Gute euch!
    Kasia

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    1. Liebe Kasia
      Da hatte deine Freundin den Dreh raus. So funktioniert es tatsächlich 😉. Wobei ich beim Beobachten von indischen Touristen in der CH gesehen habe, dass Inder im im Ausland sehr anpassungsfähig sind und die Anstandsregeln bedeutend besser klappen. Doch kaum ist man in Dubai und wartet auf den Flieger nach Indien, dann scheint alles vergessen zu sein.
      Mein Mann scheint da nie zu ermüden. Das macht er schon Jahre lang. Aber ob die Welt dadurch tatsächlich besser wird, wage ich zu bezweifeln. Aber vielleicht gibt es dem einen oder anderen schon einen Denkanstoß.
      Liebe Grüße zurück 🌺💕Irène

      Gefällt 1 Person

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