Zeitlos in der Corona-Blase

Eine Woche des strikten Lockdowns liegt hinter uns. Die Tage vergehen und oft muss ich darüber nachdenken, was für einen Wochentag wir haben.

Suriyan hat noch wenige Stunden Online-Unterricht. Er ist nicht begeistert und meint, das Ganze sei eher Beschäftigung als Lernen. Wenigstens sind so seine Wochentage noch etwas strukturiert, denn Sohnemann hat die Tendenz, die Nacht zum Tag zu machen.

In unseren Leben passiert außer einem gelegentlichen Sieg in Siedler von Catan nichts Aufregendes. Im zeitlosen Flow fließen die Tage vorbei.

Unser neues Lockdown-Spiel „Siedler von Catan“ wird täglich mehrfach gespielt.

Die News haben wir auf ein Minimum eingeschränkt, denn gute Nachrichten gibt es in diesen schwierigen Zeiten nicht.

Die täglichen Fallzahlen Indiens sind zwar etwas gefallen, aber vielerorts steigen die Zahlen weiterhin an, so auch in Tamil Nadu. Wie aussagekräftig und wahr diese Zahlen sind, bezweifle ich immer mehr. Diese zeigen sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Alleine in Chennai haben wir seit Tagen über 6000 neue Fälle. Heute sind es 6640. Die Krankenhäuser sind voll, die Menschen stehen verzweifelt in langen Schlangen und im Gedränge, um das Covid-Medikament Remdesivir zu kaufen.

https://m.youtube.com/watch?v=bnY770c2Q08

Gestern haben wir erfahren, dass ein Freund von Prabhu und dessen Schwester an Covid-19 gestorben sind. Ich erinnere mich noch gut an den letzten Besuch bei uns, mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Söhnen.

In Indien ist es wichtig, dass man sich von den Toten verabschieden kann, dass man noch ein letztes Mal das Gesicht sehen kann. Es ist wichtig, dass man in der Trauerzeit von Familienangehörigen und Freunden besucht wird, aber in diesen Zeiten ist dies alles nicht möglich. Nicht mal die engsten Angehörigen konnten sich verabschieden. Der Leichnam wurde eingepackt in einem Leichensack direkt zum Krematorium gebracht. Es wird einsam gestorben und einsam getrauert.

Auch mein Liebster schwebt scheinbar schwerelos im Zeitkontinuum. Während ich heute Morgen bei den Schwiegereltern in der Küche stehe, geht er nach draußen, um seine Suchtstängel zu kaufen. Dass heute Sonntag ist, muss er durch die Polizistin erfahren, die ihn aufhält. Sonntags herrscht hier absoluter Lockdown. Niemand darf ohne guten Grund draußen sein und alles hat geschlossen. Durch seinen Charme und seine Ehrlichkeit büßte ihn die Polizistin nur mit 200 Rupees. Dass jemand nicht argumentiert und Ausreden erfindet, hat sie scheinbar beeindruckt.

Prabhu hat seine Maske richtig getragen. Als Gutwilligkeit hat die Polizistin jedoch das tiefste Bußgeld angekreuzt.

In den Nachrichten erfahren wir, dass er nicht der Einzige war, der den Sonntags-Lockdown gebrochen hat. In ganz Tamil Nadu sind seit gestern Abend über 1 Million Menschen gebüßt worden. Dies hat über 2.5 Millionen Schweizerfranken in die Staatskasse gespült.

Mein Liebster raucht genüsslich seine letzte Zigarette – bis morgen muss er nun durchhalten.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

5 Kommentare

  1. Danke für`s Update Irène. Hebt das Papier auf, ist ein „schönes“ Andenken an diese Zeit.
    Aber eine Frage: Natürlich kann ich 200 Rs nicht so einfach mit 2,50 EUR gleichsetzen, aber ist das eine Größenordnung, die der indischen Durchschnittsbevölkerung „weh tut“?

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, das habe ich hier in Indien gekauft. Die Siedlungen, Städte und Straßen sind leider aus Hartplastik und die Felder sind zu Gruppen fest zusammen gemacht. So ist man beim Aufstellen etwas weniger flexibel. In der CH hatte ich ein viel Schöneres.
      Liebe Grüße In die Schweiz 🇨🇭 Irène

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