Indisches Essen – Tim und Irène erzählen

Schön, mal wieder etwas mit Irène zu schreiben. Zum Einstieg in diese Co-Produktion rufe ich mir drei persönliche Erinnerungen ins Gedächtnis.

Ich sass einmal mit meiner Frau in Bangkok in einem indischen Restaurant und bestellte mein Gericht „spicy“. Ich war da sehr selbstbewusst, schließlich ass ich nicht das erste Mal indisch und an Schärfe kann ich auch einiges ab. Irrtum. Ich sollte noch nie so scharf essen, und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob es am indischen oder thailändischen Einfluss lag.

Jahre später schlug uns der Kellner in Agra eine „cooking demonstration“ vor. Welch Ehre. Man führte uns durch einige Gänge und dann standen wir mitten in einer dunklen Küche, an der Decke flackerte eine Neonröhre. Vor uns standen 8 bis 10 Köche und Helfer, die uns alle mit großen Augen anschauten. Eine tolle Erfahrung, direkt vom Löffel zu kosten.

Kurz darauf war ich mit Kollegen aus Malaysia, Indonesien und Indien in einem mexikanischen Restaurant in Singapur. Was für ein kommunikativer Abend. Es dauerte „etwas länger“, bis wir uns darauf geeinigt hatten, was auf den Tisch kommt ;-).

Vermutlich werden meine Erlebnisse Irène zum Schmunzeln bringen.

Ich mag indisches Essen, ganz besonders dann, wenn es jemand zubereitet und vor mir abstellt. Deutsche mögen gern gegrilltes aus dem Tandoori-Ofen oder die üblichen Currys der angepassten Euroasia-Küche.

Vor Ort in Indien gibts natürlich ganz andere Speisen zu entdecken, aber die würde man hier dankend ablehnen. Ich erinnere mich da an super-süße Bällchen, die in Flüssigkeit schwimmen, komme aber gerade nicht auf deren Namen. Ab und zu koche ich auch selber indisch, aber das ist nicht immer so einfach.

Ein paar Challenges:

  • An Gewürzen mangelt es hier in der großen Stadt nicht. Es gibt genüg Asia-Läden, wo man indische Lebensmittel bekommt. Jedoch benötigt man oft so spezielle Dinge und dann fließt davon nur ganz wenig in das Gericht ein. Die Reste stehen dann ewig im Gewürzfach herum und überschreiten das „best before“-Datum um Jahre.
  • Die Anzahl der Zutaten ist im Vergleich zur europäischen / mediterranen Küche schon erschlagend. Kommt die italienische Küche locker mit 5 Zutaten aus, braucht die indische Küche mindestens 2 Spalten à 10 Zeilen, um „das Nötigste“ zu beschreiben. Lässt man aber alles weg, was man nicht zu Hause hat, schmeckt das Gericht am Ende immer nach Joghurt und Curry-Pulver.
  • Indische Gerichte sind nicht gerade einfach zu kochen, die Abfolge der Arbeitsschritte und die exakte Beachtung der Mengenangaben können mich schon an den Rand der Verzweiflung bringen (z. B. 1/4 Teelöffel gemahlener Gelbwurz, 1/2 Teelöffel Kreuzkümmelsamen). Vielleicht nehme ich das aber auch zu genau, ich hoffe auf eine Einordnung seitens Irène.
  • Indische Gerichte kocht man nicht mal eben in der Werbepause, die Zubereitung dauert und man nimmt sich sehr viel Zeit dafür. Indien ist auf der Liste der zeitintensivsten Küchen ganz weit oben. Das passt nicht immer in unsere Schnell-Viel-Sofort-Welt.
  • Während bei uns das Essen „schmeckt“ oder eben „nicht schmeckt“, können Inder ewig drüber reden und stundenlang drüber diskutieren, da fehlt uns hier einfach der Wortschatz.

Irène liegt vermutlich in der Ecke und lacht sich halb kaputt, deshalb überlasse ich ihr die Tastatur, vielleicht kriegt sie hier noch etwas mehr kulinarische Professionalität und Würze rein und schmeckt den Beitrag bitte noch ab ;-).

Hallo Tim

Nein, kaputt gelacht, habe ich mich keinesfalls. Meine ersten Kontakte mit der indischen Küche sahen ähnlich aus.

Man taucht ein in eine Fülle von neuen exotischen Düften, Geschmackserlebnissen und ist erst mal mit dieser Vielfalt überfordert. Dann kommen noch die seltsamen, neuklingenden Namen der Gerichte in unterschiedlichen indischen Sprachen dazu.

Am allerliebsten mag ich es auch, wenn Essen egal, ob indisch oder etwas anderes, ohne selbst den Kochlöffel zu schwingen und ohne danach die Kochtöpfe zu schrubben, in einem schönen Ambiente vor mich hingestellt wird. Wenn es dann auch noch wirklich schmeckt – einfach wunderbar! Wer mag das nicht?

Die eingelegten Bällchen in Zuckersirup sind übrigens Rasgulla (weiße Bällchen) oder Gulab Jamun (braune Bällchen). Ich kann beiden auch gar nichts abgewinnen, aber meine Männer lieben sie.

Ansonsten bin ich indischen Süßigkeiten, obwohl sie sehr süß sind, nicht abgeneigt. Ladoo, Kaju Katli, frische Jalebi, Mysore Pak, … Wenn man in Indien in einem Sweet Shop steht, hat man die Qual der Wahl. So viele leckere, kalorienreiche Köstlichkeiten!

Ein kleiner Teil der Auswahl im Sweet Shop

Wer indisches Essen mag und gerne beim Inder im Quartier isst, der wird in Indien selbst nochmals andere Erfahrungen machen. Was beim Inder um die Ecke als „spicy“ oder sogar als „very spicy“ serviert wird, ist definitiv nicht „Indian spicy“ und die Küche des Punjabs, die meistens in Europa angeboten wird, ist nur ein kleiner Teil des Spektrums von „Indisch Essen“. Mein Mann mochte kein einziges indisches Restaurant, das wir in der Schweiz besucht hatten. Es ist meistens nicht authentisch und sehr dem europäischen Gaumen angepasst.

Genau genommen gibt es „die indische Küche“ gar nicht, denn jeder Bundesstaat, eigentlich sogar jede Region hat ihre Gerichte und Spezialitäten. Auch haben die meisten Familien ihre eigenen Masala (Gewürzmischungen), die sie zum Kochen brauchen. So sind die Gerichte Indiens sehr unterschiedlich. Ganz grob kann man sagen, dass in Nordindien mehr Weizen/Hirse und im Süden mehr Reis gegessen wird.

Ich habe mich anfangs mit dem Essen schwergetan. Alles war so unbekannt, unvertraut und scharf – sehr scharf. Meine indische Familie lebt auf einem sehr hohen Chili-Level!

Mein Mann ist, wenn es ums Essen geht, auf Ammas Küche fixiert. Ein richtiges Muttersküche-Söhnchen! Inzwischen kocht zwar längst mein Schwiegervater und meine Schwiegermutter ist höchstens Chefköchin, wenn wir an Festtagen kochen.

„Liebe geht durch den Magen“, heißt es so schön und ja, um meinen Mann glücklich zu machen und meinen Schwiegervater zu entlasten, koche ich schon jahrelang mit ihm zusammen, immer öfters auch alleine. Inzwischen bin ich fast ein indisches Hausmütterchen geworden und koche Sambar, Rasam, Kuzhambu, Koottu, diverse Chutneys und vieles mehr. Was erst ohne große Begeisterung und mehr als Pflichtgefühl begonnen hatte, weckte langsam mein Interesse. Inzwischen probiere ich auch neue Rezepte aus, gerne auch aus der nordindischen Küche.

Mein Liebster hatte als Vegetarier in der Schweiz in Bezug aufs Essen gelitten. Auf den schweizerischen Speisekarten wurde er kaum fündig und der meist alternativ angebotene Salat ist für einen Inder kein Gericht. Ich erinnere mich daran, dass er in einem Restaurant einmal Spaghetti Arrabiata bestellt hatte, das als vegetarisch angeboten wurde. Ich vergesse nie sein Gesicht, als er, der noch niemals zuvor Fleisch gegessen hatte, plötzlich auf ein Speckstückchen biss.

Hier ist er nun wieder happy mit seinem südindischen „home-cooked Food“. In der Zwischenzeit habe ich mich längst dem Chili-Level meiner indischen Familie angepasst. Ich finde es fürchterlich, wie meine Mutter kocht. Bei Besuchen in der Schweiz bin ich ständig am Nachwürzen. „Ille karam“, würde mein Schwiegervater sagen. Es hat keinen Geschmack, keine Schärfe. Ich kann die Inder mit ihren Chili-Flakes, die sie ohne zu probieren großzügig auf „ausländischem“ Essen verteilen, mehr als verstehen.

Ein zu wenig gewürztes Essen ist kein gutes Essen.

Aus Indien

Zu deinen Challenges:

Meine Gewürze haben sich, seit ich in Indien lebe, sicherlich vervierfacht. Auch dies ging Schritt für Schritt. Ich empfehle allen, die indisch kochen möchten, erst mit einem Lieblingsgericht zu starten. Sich ein riesiges Sortiment an Gewürzen zuzulegen, um sie danach, wie du sagst, nur einmal zu brauchen, macht keinen Sinn. So kann man sein Können langsam mit neuen Gerichten erweitern.

Dass man für indische Gerichte immer stundenlang in der Küche steht, stimmt so nicht. Die südindische vegetarische Küche finde ich jetzt nicht so zeitaufwendig. Man sollte einfach etwas besser planen, da man oft etwas einweichen oder vorkochen muss.

Oft wirken die Rezepte mit den ungekannten Zutaten komplexer, als sie sind. Aber klar, eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben, geht eindeutig schneller!

Glücklicherweise gibt es auch ganz einfache, schnellgemachte Gerichte, sozusagen indischer Fast Food. Diese trifft man im Restaurant natürlich nicht an. Ich bin beispielsweise ein Fan von Upma. Das ist ein einfaches, schnelles Hartweizengericht aus Tamil Nadu, das wir mit Zwiebeln, Chili und Tomaten zubereiten.

Upma

https://meinlebeninindiendotblog.com/2019/07/15/upma-schnell-gekocht-und-lecker/

Mit den Maßangaben bist du eindeutig zu deutsch eingestellt. Es sind ungefähre Angaben. In indischen Küchen gibt es in der Regel keine Küchenwaage. So werden Mengenangaben in Bechern und Löffeln angegeben.

Ja, über das Essen können Inder stundenlang sprechen, sich austauschen und ins Schwärmen kommen. Die kulinarischen Ansprüche sind meistens hoch, und wenn es nicht passt, dann beklagt man sich sofort oder lässt es unberührt stehen. Wir Schweizer sind diesbezüglich viel angepasster. In der Regel hat man mehr Hemmungen, ein Essen, das nicht gemundet hat, zurückzuschicken.

Essen hat in Indien einen anderen, bedeutsameren Stellenwert. Trifft man jemanden, ist eine der ersten Fragen immer: „Saptia? – hast du gegessen?“

Also lieber Tim, lass dich nicht vom Zeitaufwand oder der langen Zutatenliste abhalten. Beginne mit einem einfachen Gericht und wage dich Schritt für Schritt an Neues heran.

Mit lieben Grüßen aus Chennai

Irène

Andere Artikel zum Thema Essen in Indien findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.com/2020/09/26/hast-du-gegessen/

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

8 Kommentare

  1. Toll geschrieben. Es dauert um eine gute, indisch Köchin zu werden aber man lernt viel und vor allem lernt man, das Gewürze nicht nur für den Geschmack da sind. Klappt ein Gericht nicht, übe ich weiter. Übrigens liebe ich Gulab Jamun – allerding eine Nachspeise bei der ich noch viel üben muss ;o)

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Yvonne
      Danke für dein liebes Feedback. Ja, das stimmt – „Gut Ding will Weile haben“!
      An Gulab Jamun werde ich mich aus reinem Eigeninteresse definitiv nicht wagen 😉. Freue mich auch immer über deine Vegi-Rezepte.
      Liebe Grüße Irène

      Gefällt mir

  2. Toller Beitrag liebe Irene! 😃👍🏻
    Für mich sehr interessant die Perspektive eines Nicht-Inders zur indischen Küche! Wir sind damit aufgewachsen, für uns ist das natürlich alles normal 😂 Aber wie du sehr schön sagst, jede Region, jede Familie kocht anders, deshalb gibt es bei uns nicht dieses EINE Rezept, sondern ist alles nur eine Gefühlssache mit den Gewürzen und Mengenangaben. Liebe Grüße nach Chennai 😊🙏🏻

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