Augen auf – wie Götter zum Leben erweckt werden

Abertausende Göttinnen und Götter tummeln sich im hinduistischen Götterhimmel. Im Gegensatz zum Christentum und zum Islam hat der Hinduismus kein Problem damit, Gottheiten in unzähligen Statuen und Bildern darzustellen. Obwohl im Hinduismus unzählige Götter verehrt werden, ist im Grunde genommen alles Eins – alles ist Paramatma oder Brahman, das alldurchdringende kosmische, formlose Bewusstsein.

Viele Steinmetze und Bildhauer sind auf die Herstellung von Götterstatuen spezialisiert. Das Kunsthandwerk liegt meistens schon seit Generationen in der Familie. Neben dem handwerklichen Geschick und dem künstlerischen Ausdruck ist die Herstellung von Göttern auch immer ein spiritueller Prozess. Erst am Schluss einer Arbeit werden den Statuen in einer Pooja, einer Lobpreisung und Verehrung Gottes, die Augen geöffnet und diese sozusagen zum Leben erweckt.

Auch diese riesige Haunman-Statue eines Tempels wird, wenn alles fertig ist, zum Leben erweckt werden.

Wir haben eine wunderschöne Teakholz-Tür mit einem Ganesha. Darüber thront die Glücksgöttin Lakshmi mit zwei Elefanten. Als die Tür fertig installiert war, kam der Holzbildhauer persönlich bei uns vorbei, um in einer religiösen Zeremonie (Pooja) die Augen von Lord Ganesha und der Göttin Lakshmi zu öffnen. Vorsichtig machte er noch ein kleines Ringlein, die Pupillen in die Augen und erweckte so die Gottheiten zum Leben.

Unsere Eingangstür

Viele Touristen, die Indien besuchen, kaufen sich als Souvenir indische Gottheiten und stellen diese als Deko und Erinnerung in ihre Wohnungen oder in den Garten. Ganesha, der Elefantengott ist inzwischen auch im Westen sehr beliebt und trendy. Solange jemand respektvoll, achtsam damit umgeht und den Statuen ein angemessenes Plätzchen zum Aufstellen sucht, habe ich dagegen auch nichts einzuwenden. Obwohl ich mich manchmal schon frage, warum Menschen, die mit dem Hinduismus gar nichts zu tun haben, sich ausgerechnet eine indische Gottheit kaufen. Wäre da ein schöner Elefant nicht angemessener?

Leider sind nicht alle Menschen mit Achtsamkeit gesegnet. Manche Menschen haben keine Hemmungen, Götterstatuen auf dem Klo aufzustellen oder als Halterung für alles Mögliche zu „miss“-brauchen. Sicherlich geschieht dies nicht mit bösem Willen, aber mit Unbedachtheit. Wären es Jesus- oder Maria-Statuen, empfänden dies die meisten auch als unangebracht, respektlos.

Hindus sind diesbezüglich sehr sensibel und können ungehalten darauf reagieren. Schon mancher Shitstorm wurde losgetreten, wenn solche Bilder im Internet veröffentlicht wurden.

2015 hatte ein australischer Tourist in Südindien riesige Probleme. Sein Tattoo einer indischen Göttin, das er sich aufs Bein tätowiert hatte, wurde entdeckt und kurz darauf wurde er von einer großen Menge beschimpft und bedrängt. Schließlich griff die Polizei ein. Doch auch diese zeigte keinerlei Verständnis und ließ den Mann eine Entschuldigung schreiben. Der Australier hatte es nur in guter Absicht gemeint. Er fühlte sich Indien verbunden, da er dort ein Jahr studiert hatte und wollte so seine Liebe zum Land ausdrücken. Hätte er sich etwas mehr mit der Kultur beschäftigt, dann hätte er dies wohl nie gemacht.

Sich indische Gottheiten als Nicht-Hindu tätowieren zu lassen, ist sehr gut zu überdenken. Wenn man dies wirklich möchte, sollte man sich den Ort des Tattoos gut überlegen. Die Pobacke, die weibliche Brust, Beine oder gar die Füße sind definitiv nicht dazu geeignet.

Zu einem riesigen Aufstand in der Hindu-Community kam es 2017 als jemand die schlaue Idee hatte, Klodeckel und Fußmatten mit dem Elefantengott zu verkaufen. Die Empörung war so groß, dass Amazon die Artikel sofort aus ihrem Sortiment nahm.

In der Regel passieren solche Dinge aus Unachtsamkeit, Unwissenheit und nicht aus bösem Willen.

Falls Lord Ganesha bei euch auf dem Klo sitzt oder als Kleiderständer dient – sucht ihm doch bitte einen schönen, angemessenen Platz und legt ihm ab und zu eine Blume hin.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

5 Kommentare

  1. Liebe Irène … mit einem Augenzwinkern …. dem Hanuman ist die Maske zu hoch gerutscht … 😉
    Sorry, aber der musste jetzt sein.
    Aber zurück zum Ernst: Ich habe einige Indische Figuren bei mir stehen, nicht am „stillen Örtchen“ sondern an „ruhigen Orten“ in der Wohnung, an denen ich die aber auch wahrnehme und an meine Reisen nach Indien denken kann.

    PS: eure Tür ist natürlich ein Prachttsück… wow

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  2. Ja, die Säkularisation religiöser Symbole ist ein Phänomen, mit dem sich auch andere Religionen herumschlagen.

    Auf meinem Schreibtisch steht ein kleiner Ghanesh den mir eine Kollegin aus Indien mitgebracht hat. Eine hübsche Holzfigur und sie hat durchaus auch dekorative Funktion.

    Aber als katholisch sozialisierter Mensch, habe ich ihr diesen speziellen Platz gegeben, weil Ghanesh als Gott der Weisheit Projekte positiv beeinflussen soll.

    Vielleicht sollte ich gelegentlich eine kleine Opfergabe dazulegen.

    Gefällt 1 Person

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