Bindi, Sindoor, Tilak- Punkte und Zeichen auf der Stirn und ihre Bedeutung

Ist man in Indien unterwegs, begegnet man überall Menschen mit roten oder auch andersfarbigen Punkten und Strichen auf der Stirn. Doch was bedeuten diese? Ist dies Ausdruck von Spiritualität, Religiosität, Tradition oder ist es nur ein Mode-Accessoire?

Verschiedene Punkte – verschiedene Namen – verschiedene Bedeutungen

Da mein Liebster es schön findet, klebe auch ich gerne einen kleinen dunkelroten Filzpunkt auf meine Stirn. Dieser Punkt, der von Frauen getragen wird, heißt auf Hindi „Bindi“ und auf Tamil „Pottu“.

Der klassisch rote Punkt, der traditionell immer noch aus roten Kumkum-Pulver aufgetragen wird, war früher Zeichen der verheirateten Hindufrau. Kumkum ist ein Pulver von zinnoberroter Farbe, hergestellt aus der Gelbwurzel (Kurkuma). Manchmal wird auch der wertvolle Safran dazu gemischt. Heutzutage wird das Pulver leider oft synthetisch hergestellt, aber viele Tempel stellen es auch noch heute nach alter Tradition her.

Der ursprünglich rote Punkt ist ein Schutzsymbol, nicht nur für die Trägerin, sondern auch für ihren Ehegatten. Erst als Witwe verzichtet die hinduistische Frau auf diesen Schmuck.

Viele traditionelle Frauen, so auch meine Schwiegermutter, brauchen immer noch das rote Kumkum-Pulver um den Punkt aufzutragen. Eine verheiratete Hindu-Frau trägt oft auch am Haarscheitel rotes Kumkum-Pulver. Diesen Punkt nennt man in Hindi „Sindoor“. Bindi und Sindoor werden oft mit verheirateten und unverheirateten Frauen in Verbindung gebracht. Auch in der heutigen indischen Gesellschaft ist es unüblich, dass verwitwete Frauen ein Bindi oder gar ein Sindoor tragen.

Diese Bettlerin ist Witwe, Sie verzichtet auf Bindi und Sindoor. Sie trägt nur Vibhutti (Heilige Asche) zu Ehren von Lord Shiva.
Rotes Kumkum-Pulver am Haarscheitel trägt nur die verheiratete Hindu-Frau.

Wird man persönlich zu einer Hochzeit eingeladen, bringt die einladende Frau immer ein Döschen mit Kumkum-Pulver mit. Stehend wird die Einladung offiziell übergeben und das rote Pulver wird der verheirateten Hausherrin hingehalten, damit sie sich das bedeutsame Segnungszeichen auf die Stirn malen kann.

Der segnende und schützende Punkt wird aber auch nach dem Gebet aufgetragen. In diesem religiösen Zusammenhang spricht man aber meistens von einem Tilak oder Tikka. Meine Freundin R. erklärt dies folgendermaßen:

Auf Hindi sagen wir nie „Put a Bindi for God“, sondern immer „Put a Tikka or Tilak“. Ein Tilak, ein Punkt der Segnung und des Schutzes kann man auch von Menschen erhalten, die man respektiert und denen man vertraut. So können beispielsweise die Eltern oder Großeltern mit einem Tilak den Segen erteilen, wenn es auf eine längere Reise geht oder wenn ein besonderer Tag ansteht.

Auch die heiligen Kühe werden oft mit einem Tilak gesegnet

Auch Babys und Kleinkinder haben oft schwarze Flecken oder Punkte im Gesicht oder auf der Stirn. Was wie hässliche Muttermale aussieht, sind jedoch Schutzsymbole gegen das „Evil Eye“, das böse Auge. Die mit Kajal aufgetragenen Punkte und Flecke sollen den bösen Blick ablenken.

Das rote Kumkum-Pulver hat in Poojas (Lobpreisung Gottes) eine große Bedeutung, wenn weibliche Gottheiten angerufen werden. Das Rot repräsentiert die feurige Schöpferkraft der Göttinnen. So können durchaus auch Männer nach dem Gebet oder dem Tempelbesuch rote Punkte als Zeichen der Segnung tragen. Bei Männern spricht man in diesem Zusammenhang jedoch nie von einem Bindi, sondern immer von einem Tilak.

Auch Männer tragen oft einen roten Punkt (Tilak oder Tikka) auf der Stirn.

Bei einem Besuch in einem hinduistischen Tempel wird immer ein Tilak aufgetragen, oft sogar durch den Priester. Ein Tilak kann auch andere Formen und Farben haben. Tempel, die verschiedenen Göttern geweiht sind, haben unterschiedliche Farben. In einem Hanuman-Tempel beispielsweise gibt es ein orange-farbenes Tilak, in einem Kali-, Durga- und Parvati-Tempel ein rotes, in einem Shiva-Tempel ein Vibhutti-Tilak (heilige Asche) und in einem Jain-Tempel gibt es Sandelholz-Tilak. Ein Tilak kann auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten hinduistischen Ausrichtung preisgeben. So stehen drei waagrechte Linien aus Vibhutti beispielsweise für die Anhänger von Lord Shiva.

Dieser Sadhu (Bettelmönch) trägt das Symbol für Lord Shiva als Tilak.
Die senkrechten Linien stehen für Lord Vishnu.

Auch gibt es regionale Unterschiede. In Bihar beispielsweise tragen Frauen orange-farbige Sindoor und Bindi.

In der hinduistischen Tradition haben Bindi und Tilak eine spirituelle Bedeutung. Der Punkt, der in der Mitte der Stirn aufgetragen wird, liegt auf dem sechsten Chakra (Ajna Chakra), einem Energiezentrum unseres Körpers. Die Position wird auch als drittes Auge bezeichnet. Das Ajna Chakra repräsentiert die Verbindung zwischen unserem Körper und dem höheren Selbst. Es ist der Ort, an dem wir unser Ego verlieren und die Welt aus unserem geistigen Auge sehen können. Es wird auch als Tor zum Erreichen von spiritueller Energie – letztendlich auch von Moksha (der Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt) gesehen. Manche sagen auch, dass man über das Ajna Chakra hypnotisiert werden kann und der Punkt zum Schutz und zur Abschirmung getragen wird.

Die Sticker-Bindi aus Kunststoff, die man in Indien überall kaufen kann, sind inzwischen jedoch Modetrend. Neben den klassisch roten Punkten in verschiedenen Rottönen und Größen gibt es unzählige Varianten für jeden Geschmack. Die Mode hat aber auch Bindi mit Glitzersteinchen, mit kleinen Pailletten, mit filigranen, ornamentalen Mustern in allen Farben und Formen hervorgebracht. Viele indische Frauen und Mädchen, ob verheiratet oder nicht, tragen Bindi, oft passend zur Kleidung und zum entsprechenden Anlass. Es gibt sogar christliche oder muslimische Frauen, die Bindi tragen, und der Trend ist inzwischen sogar im Westen angekommen. Die Bindi, die wie Sticker auf der Haut haften, sind modisches Accessoire. Sie sind sehr praktisch, da sie beim Auftragen oder beim Schwitzen nicht verschmieren. Diese Mode-Bindi, die oft als modisches Statement getragen werden, haben für viele Trägerinnen keine spirituelle oder religiöse Bedeutung mehr.

Wie kommt es an, wenn Nicht-Hindus ein Bindi oder Tilak tragen?

Wenn man in gewissen Foren mitliest, dann gibt durchaus Hindus, die sich sehr darüber empören, wenn „Westler“ oder Andersgläubige Bindi oder Tilak tragen. Die Mehrheit jedoch ist in der Regel diesbezüglich sehr großzügig und offen. Solange man nichts ins Lächerliche zieht oder gar die indische Tradition und Spiritualität verspottet, zeigen sich die meisten Hindus offen. Ich habe auch bei meinen indischen Freundinnen nachgefragt. Auch sie haben damit grundsätzlich kein Problem und verstehen den Hinduismus nicht als Religion, sondern als eine Lebensweise. Meine Freundin C. hat dazu Folgendes geschrieben:

Ich denke, Nicht-Hindus sollten sich bemühen, den Wert und die Bedeutung dieser Zeichen zu verstehen. Soweit ich verstanden habe, ist der Hinduismus hochgradig pluralistisch und demokratisch. Ich sehe kein Problem darin, dass Nicht-Hindus ein Bindi oder Tilak tragen – vorausgesetzt, die damit verbundenen tiefen kulturellen Werte und Überzeugungen werden nicht verspottet.

Ich kann dies eigentlich nur bejahen. In den vielen Jahren, habe ich noch niemals eine negative Bemerkung gehört, wenn ich ein Bindi oder ein Tilak trug. Leute jedoch, die unangemessen gekleidet sind oder den Hinduismus als Vielgötterei abstempeln, sollten definitiv auf ein Tilak verzichten.

Passt ein Bindi zu westlicher Kleidung?

Ein Bindi zu westlicher Kleidung zu tragen, ist für mich persönlich ein No-Go. Irgendwie passt es einfach nicht zusammen. Meinen indischen Freundinnen geht es diesbezüglich ähnlich. Sie selbst tragen Bindi nur mit traditioneller indischer Kleidung. Natürlich sollte man bei all diesen Fashion-Bindi auch ein Gefühl dafür entwickeln, wann und zu welchem Anlass es getragen werden sollte. Läuft man mit einem glamourösen Glitzer-Bindi im Alltag rum, wird man definitiv schräge Blicke ernten.

Meine Freundin C. meint dazu:

Ein Kumkum-Tilak trage ich zu allem, da es für mich eher ein Schutzschild ist, aber einen Bindi-Sticker trage ich nur mit indischen Kleidern, da es mir mit westlicher Kleidung unpassend erscheint. Ich denke jedoch, dass es eigentlich keine Rolle spielt.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

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