Anders sein

Park in Chennai

Die beiden Frauen drehen ihre Runden im kleinen Park. 30 Runden sollen es werden. Die drei Kleinkinder werden in der Zwischenzeit von der Maid der einen betreut, so können die beiden zügig gehen und müssen nicht auf kleine Kinderschritte Rücksicht nehmen. Um die Zeit bei den sich wiederholenden Runden zu überbrücken und etwas kurzweiliger zu gestalten, plaudern die zwei Mütter. Obwohl sie beide lange Kurtas mit einer Dupatta tragen, sehen sie unterschiedlich aus. Die Schwarzhaarige ist braun wie Milchschokolade und die Dunkelblonde weiß wie Ziegenkäse.

„Sag mal, was machst du mit deinem Sohn, wenn er nicht lernen will?“, fragt die Schwarzhaarige. „Ich habe heute Submitha geschlagen, weil sie die geometrischen Formen nicht benennen wollte“, meint sie in normalem Erzählton. Die Gesichtszüge der Weißen sprechen eigentlich Bände. Sie ist entsetzt, aber die Fragende schaut sie nicht an, ihr Blick ist auf den unebenen Weg gerichtet. „Ich schlage unseren Sohn nie.“, entgegnet sie schließlich mit einem etwas traurigen, aber sehr entschlossenen Blick. Plötzlich wirkt sie missionarisch, besserwisserisch. Sie meint, dass sie es nicht gut findet, wenn man Kinder schlägt. Kleinkinder im Alter von 3 Jahren sollten auch nicht mit abstrakten Lerninhalten konfrontiert werden. Dies sei unnötig. Kinder in diesem Alter sollten einfach nur spielen.

Diese Aussagen erstaunen im Gegenzug die Braune. „Aber meine Töchter sollen später Medizin studieren! Wie sollen sie dies schaffen, wenn man nicht früh genug mit dem Lernstoff anfängt! Sie müssen lernen und hart arbeiten, um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich Submitha einen Klaps gebe, dann lernt sie.“

Welten prallen aufeinander – beide Mütter spüren es. Zwei Länder, zwei Kulturen und zwei unterschiedliche Ansichten über Kindererziehung treffen aufeinander und werden sich wohl niemals finden. „Die armen Mädchen“, denkt die Weiße danach oft, wenn sie sich zum Walken verabreden. „Der arme Junge wird überhaupt nicht gefördert“, denkt sich die Braune. Die Weiße fühlt sich fremd in diesem Land. Sie kann viele Dinge nicht verstehen und nachvollziehen. Dabei ist ihr Denken und Wissen doch richtig und sollte jedem klar sein.

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

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